[Buchreise] Schwarzer Mond über Soho von Ben Aaronovitch (Flüsse von London 2)

IMG_0508[Buchreise] Schwarzer Mond über Soho von Ben Aaronovitch (Flüsse von London 2)

Dies ist keine Rezension, nein. Es ist eine Rundreise durch eine Welt voller Magie, Jazz und verrückten Fantasy-Kreaturen. Ein Experiment.
Schwarzer Mond über Soho ist ein Buch von 2012; wahrscheinlich habt ihr es bereits vor Ewigkeiten gelesen, wie ich auch. Darum möchte ich, wenn ich es nun erneut lese, die Hintergründe beleuchten: Details, die man im ersten Durchgang nicht erkennt; Mühe, die man sich im ersten Durchgang nicht macht. Entsprechend handelt dieser Artikel (nach kurzer Inhaltsangabe) von Jazz, den verrauchten Nachtclubs der Szene; er handelt von den Schauplätzen der Geschichte, vom realen London. Und von magischen Wesen und einigem (un)nützem Wissen.


Schwarzer Mond über Soho: Eine Mini-Rezension

Peter Grant´s zweiter Fall führt ihn in die Jazz-Szene des Londoner Stadtteils Soho.
Cyrus Wilkinsons Tod gibt der Polizei so manch Rätsel auf: Zum einen war der Jazzmusiker einfach zu gesund, um aus heiterem Himmel einen Herzinfarkt zu bekommen; zum anderen ertönt aus seinem Brustkorb ein Vestigium in Form eines Jazzklassikers der 1930er Jahre: Body and Soul. Unser Lieblingsbobby-in-Ausbildung, zufällig Sohn des großen Londoner Jazzmusikers Lord Grant, ermittelt…

Schwarzer Mond über Soho gefällt mir sogar noch besser als Band 1 der Flüsse von London. Als Ego-Perspektive ist Peter gewohnt stark, aber das Metier liegt mir und fasziniert mich. Zudem ist es düsterer und ernsthafter: Peter trifft zum ersten Mal auf seinen Gegenspieler.

„An Jazz kann man nicht sterben“, sagte Dr. Walid. „Oder?“
Ich dachte an Fatz Navarro, Billie Holiday und Charlie Parker, der nach seinem Tod von einem Gerichtsmedzinier doppelt so alt geschätzt wurde, wie er war.
„Wissen Sie“, sagte ich, „ich glaube, sie werden feststellen, dass man´s kann.“

Stern5

Solltet ihr „Schwarzer Mond über Soho“ noch nicht gelesen haben, lest bitte nicht weiter;
ich spoilere die Handlung.

Vielleicht interessiert euch Teil 1 der Reihe: Die Flüsse von London [Rezension].

Oder meine Buchreise zu „Der Galgen von Tyburn“ [Peter Grant 6].


Eine Buchreise: Schwarzer Mond über Soho

  1. I´m all for you, Body and Soul
  2. Über Soho – Das Londoner Nachtleben
  3. Ein besonderer Ort im Herzen Sohos: Patisserie Valerie
  4. Die Nachtclubs: Das jazzige Spice of Life
  5. Café de Paris: Ort einer Tragödie
  6. Über Ken „Shakehips“ Johnson
  7. Schauplätze 1: Willkommen bei den Grands
  8. Schauplätze 2: Dr. Abdul Haqq Walid
  9. Schauplätze 3: Meet Postmartin
  10. Chimären und Wissenschaftsethik
  11. Zweite Runde gefällig? Hörbuch und Englische Ausgabe
  12. Fehler im Buch u. Reihenübersicht

Body and Soul

„Kein Wunder also, dass ich etwas überrascht war, als ich Cyrus Wilkinsons Körper ein Saxofonsolo spielen hörte. Die Melodie wehte aus einer Zeit an mich heran, als die Radios noch aus Bakelit und mundgeblasenem Glas bestanden, und wurde begleitet von einem Geruch nah zersägtem Holz und Zementstaub. Ich verharrte so lange, bis ich sicher war, das Stück erkannt zu haben. (…) – „Das ist Body and Soul“, sagte ich. „Ein Stück aus den Dreißigern.““ S.22

In den 1930 komponiert gehört Body and Soul heute zu einem der großen Jazzklassiker, der von unzähligen Musikern im Laufe der Jahre sowohl instrumental (Coleman Hawkins; 1939) als auch mit Gesang (Billie Holiday 1940; Frank Sinatra 1947) aufgeführt und neu interpretiert wurde.

„My heart is sad and lonely
For you I sigh, for you dear only
Why haven’t you seen it?
I’m all for you, body and soul“


Über Soho – Das Nachtleben von London

„Die Sache mit Soho ist die: Hier Auto zu fahren ist vardammt ätzend, und es führt keine einzige U-Bahn- oder Buslinie hindurch, daher geht man unweigerlich zu Fuß. Und weil man zu Fuß geht, begegnet man Leuten, die man sonst vielleicht verpasst hätte.“ S. 110

©wikipedia

Spielort des zweiten Flüsse von London-Romans ist also das Stadtviertel Soho im Herzen Londons, das für sein Multikulti-Feeling, seine Clubs und Pubs bekannt ist. Inmitten der Metropole ist Soho das Viertel, in dem das Nachtleben tobt. Tagsüber kann man hier über Straßenmärkte, durch Vinyl-Läden und Sexshops schlendern. Nachts dreht sich hier alles um Partys, Kultur, Erotik und … Musik. – Eine traditionelle Jazz-Szene, in der sich die Musiker kennen und austauschen.

„Die Berwick Street besteht aus Büros von TV-Gesellschaften an einem Ende, einem kleinen Straßenmarkt in der Mitte und einigen halbversteckten Sexshops am anderen Ende. Sie beherbergt auch ein paar weltberühmte Musikläden, ausschließlich Vinyl – die Art Adresssen, wo mein Dad hingehen würde, um seine Sammlung zu verkaufen. Was zu seinen Lebzeiten garantiert niemals passieren wird.“ S. 109


Ein besonderer Ort im Herzen Sohos: 

patisserie valerie

„Die Engländer haben auf dem Kontinent zu allen Zeiten großen missionarischen Eifer hervorgerufen, und immer wieder machten sich vereinzelte tapfere Individuen auf, dem Wetter, den hygienischen Zuständen und dem englischen Sarkasmus zu trotzden, um den armen Inselbewohnern die schönen Dinge des Lebens nahezubringen. Zu diesen Pionieren, so erzählte mir Simone, gehört Madame Valerie, die in der Frith Street eine Patisserie eröffnete und diese, nachdem die Deutschen sie dort ausgebombt hatten, in die Old Crompton Street verlegte.“ S. 112

Hier könnt ihr virtuell durchs Café gehen: Zur Patisserie Valerie

„Simones Lieblingstisch war der neben der Treppe, direkt hinter der Kuchenvitrine. Von hier aus, erklärte sie, konnnte man die Leute beobachten, die kamen und gingen und zugleich ein Auge auf die -Kuchen haben – nur für den Fall, dass plötzlich ein Riesenansturm darauf losging.“ S. 112


Die Nachtclubs 

Da Peter während seiner Ermittlungsarbeiten eine Menge Pubs und Clubs aufsucht, habe ich hier zwei (meiner Meinung nach besonders schöne und die Atmo gut ausdrückende) herausgesucht: Das Spice of Life, welches auch die zweite Kapitelüberschrift liefert, und das Café de Paris.

Das Spice of Life London

©sinfiction.co.uk

„Wo sich die (Charing Cross) Road und die (Shaftesbury) Avenue kreuzen, entstand der Cambridge Circus, dessen Westseite heute vom Palace Theatre und dessen spätviktorianischer Lebkuchenpracht beherrscht wird. Daneben steht das im selben Stil erbaute Bauwerk, das einst als Wirtshaus George and Dragon bekannt war und heute Spice of Life heißt. Laut Eigenwerbung Londons erste Adresse für guten Jazz.“ S. 44

Das heutige Erscheinungsbild des Spice of Life entstand im Jahre 1898, auch wenn es zuvor an gleicher Stelle bereits einen Pub gab.
Sieben Tage die Woche bietet das Spice of Life London Livemusik, von Open Mic-Abenden bis zu gebuchten Jazz-Musikern: mit Big Band oder Einzelkünstler wie Jamie Cullum, das Spice of Life bietet eine bunte Bühnenshow für jedermann. In früheren Zeiten traten hier bereits Bob Dylan und The Sex Pistols auf. 

„Über eine knarrende Treppe erreichte ich die Backstage Bar, einen annähernd achteckigen Raum mit niedriger Decke und vereinzelten dicken cremefarbenen Säulen, die vermutlich Stützfunktion hatten, denn zur Optimierung des Blickfelds trugen sie definitiv nicht bei. (…) Ich stellte mich auf die Bühne und nahm ein paar typische Saxophonposen ein. Und da begann ich etwas zu spüren, vorn rechts auf der Bühne, ein kleines Prickeln und die Melodiestimme von Body and Soul, wie aus weiter Ferne, schneidend und bittersüß.“ S.46

© spiceoflifesoho.com

Quelle: spiceoflifesoho.com


Café de Paris

Cafe de Paris
Quelle: themetropolist.com

„Ich schwindelte mich ins Café de Paris hinein.(…) Drinnen war alles voll Blattgold, rotem Samt und königsblauen Vorhängen. Der Hauptraum war oval, hatte am einen Ende eine geschwungene Treppe und am anderen eine kleine Bühne. Die Treppe führte zu einem laufenden Balkon hinauf, der mich unbehaglich an das Royal Opera House erinnerte.“ S.184

Das Café de Paris war seit Eröffnung 1924 der Treffpunkt der High Society in London. Der Prachtclub in Soho zählte den Prince of Wales zu seinen Stammgästen. Internationale Stars wie Marlene Dietrich gaben sich die Ehre. „Sehen und gesehen werden“, lautete hier die Devise und so feierte die junge Elite unter ihresgleichen, auch als der Krieg das Land verwüstete.

„Ich konnte sie spüren, die Schichten von Vestigia, die sich in die Wände des Café de Paris gebrannt hatten, aufbrandendes Gelächter, Teeduft, Musikfetzen, plötzlich der scharfe Geruch von Blut auf meiner Zunge.“ S. 185

Auch als andere Nachtclubs in London zu Zeiten des zweiten Weltkriegs schlossen, feierte die High Society im Café de Paris weiter. Ungeachtet dessen, dass die Menschen oberhalb hungerten und Schutz in Bunkern suchen, denn das Café de Paris galt aufgrund seiner tiefen Lage von über 6 m unter der Erde als sicher. Ein Irrtum.

Quelle: dailymail.co.uk

Quelle: dailymail.co.uk

Ken „Shakehips“ Johnson

Tatsächlich trat Ken „Shakehips“ Johnson zusammen mit seiner Band am 8. März 1941 im Café de Paris in London auf.

Während des Songs „Oh Johnny“ fielen die Bomben: Ben Aaronovitch hat dies im Nachwort angedeutet. Zwei Bomben trafen das Café de Paris, sowohl Ken Johnson, als auch sein Saxophonist Dave „Baba“ Williams waren sofort tot.

Insgesamt forderte der Abend 34 Tote im Café Paris. Ken Johnson wurde nur dreißig Jahre alt.

Die ganze Geschichte könnt ihr hier nachlesen: Zum Artikel der Dailymail.co.uk (Leider nur auf Englisch) – Der Artikel ist von 2010. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Aaronovitch über diesen Artikel bei seiner Recherche stolperte und ihn für den Plot nutzte. 

Quellen: Dailymail.co.uk – Café de Paris London


Schauplätze 1: Kentish Town und Peckwater Estate: Willkommen bei den Grands

Peckwater Estate, Kentish Tower
©Camden Photos

„Ich bin in Kentish Tower aufgewachsen, das in die Kategorie „begrünte Vorstadt“ fallen würde, wenn es ein wenig begrünt und vorstädtisch wäre. Und weniger Sozialwohnblocks hätte. Einer davon ist Peckwater Estate, der Sitz meiner Ahnen, der gebaut wurde, als die Architekten sich damit abgefunden hatten, dass auch das Proletariat sich über ein eigenes Klo und ein gelegentliches Vollbad freut.“ S. 49


Schauplätze 2: Das University College Hospital: Meet Dr. Walid

Dies ist der Ort, an dem Peter den Arzt seines Vertrauens, „Dr. Abdul Haqq Walid, Gastroenterologe und Kryptopathologe von Weltrang und bekennender Schotte“(S.19) für gewöhnlich antrifft. Charakteristisch für ihn ist seine Neugier die Magie betreffend, die er ähnlich wissenschaftlich ansieht und erforscht wie Peter selbst.

University College Hospital
Quelle: wikimedia.org

„Alle Krankenhäuser, in denen ich je war, hatten den gleichen Geruch – diese Mischung aus Desinfektionsmittel, Erbrochenem und Sterblichkeit. Das University College Hospital war brandneu, keine zehn Jahre alt, aber schon setzte der Geruch sich auch hier fest – paradoxerweise nur nicht im Keller, wo die Toten aufbewahrt wurden.“ S. 18.


Schauplätze 3: Die Library of Oxford: Meet Postmartin (Kapitel 5)

„Oxford ist ein seltsamer Ort. Wenn man durch die Außenbezirke geht, könte es jede beliebige englische Stadt sein, genau die gleiche edwardianische Vorstadtarchitektur mit fließenden Übergängen zum Viktorianismus, dazwischen gelegentlich die Entgleisung aus den 1950er Jahren. (…) Historisch gesehen ist das beeindruckend, aber vom verkehrstechnischen Standpunkt aus bedeutet es, dass wir für den Weg durch die engen Straßen fast noch einmal so lange brauchten wie für die ganze Strecke von London hierher.“ (S.134)

Radcliffe
Quelle: thetimes.co.uk

„Radcliffe Science Library befindet sich in einem runden Kuppelbau, der aussieht wie die St. Paul´s Cathedral minus das ganze religiöse Klimbim.“ S. 135

„Außerhalb größerer Städte reicht manchmal meine bloße Erscheinung aus, dass es bestimmten Leuten die Sprache verschlägt. So auch Dr. phil. Harold Postmartin, Fellow der Royal Society und Kurator der Spezialsammlungen der Bodleian Library, der unverkennbar nicht „so einen“ als Nightingales Lehrling erwartet hatte.“ S. 135


Mischwesen
Quelle: Wikipedia

Über Chimären und Wissenschaftsethik

… sind Mischwesen aus zwei verschiedenen Lebewesen in der griechischen Mythologie, bspw. Greif, Sphinx und Zentauren.

Wer´s genau wissen will: Hier geht´s zum Wiki-Artikel

Okay, wahrscheinlich hättet ihr das auch selbst gewusst. Bei meinen Recherchen zu dieser Buchreise bin ich aber auf einen Artikel gestoßen, der mir den Magen umdrehte. Denn es gibt nichts auf dieser Welt, was krank genug ist, als dass nicht irgendwer es in Erwägung zieht.

„Die britische Academy of Medical Sciences fordert daher in einem jetzt veröffentlichten Bericht klare Regelungen bei der Arbeit mit Tieren, die menschliches Material – Zellen oder einzelne Gene – enthalten.“ 

Hier geht´s zum Spiegel-Artikel


Schwarzer Mond über Soho – Zweite Runde gefällig?

Die Hörbücher (Hörprobe vom Jumbo-Verlag) zu den Flüssen von London werden von Dietmar Wunder gelesen. Da jedes Hörbuch aber nur zwischen 240 und 267 Minuten lang ist, also gerade einmal 4 Stunden für je bis zu 480 Seiten, empfehle ich doch die Lektüre.

Die englische Version heißt „Moon over Soho“ und hat kein schönes Cover. Wem es nichts ausmacht, die Bücher auf Englisch zu lesen, der kann alle 5 Bände im Paket auf Kindle für 12,45€ abstauben. Ich fand das etwas schwerer als erwartet. Zwar gibt es auch die Taschenbücher für einen unschlagbaren Preis, aber das Kindle Wörterbuch leistet wirklich gute Dienste.


Fehler im Buch: Dass Lesley zaubern kann, wusste ich zu dem Moment, als sie den Akku aus ihrem iPad nahm; schon mal versucht? Weder Testleser noch Lektoren hatten daran etwas auszusetzen. #Funfacts


Hier noch alle Bände der Flüsse von London im Überblick (mit Reflinks):


 

[Übersichtliche Übersicht] Aaronovitch, Ben: Die Flüsse von London -Romane und Comics- in richtiger Reihenfolge

1. Die Flüsse von London (Roman) [Rezension] [Amazon]
2. Schwarzer Mond über Soho (Roman) [Buchreise s.o.] [Amazon]
3. Ein Wispern unter Baker Street (Roman) [bald: Buchreise?] [Amazon]
4. Der böse Ort (Roman) [bald: Buchreise?] [Amazon]
4,5 Body Work 1-5: (Englischer Comic) [Rezension] [Amazon]
5. Fingerhut-Sommer (Roman) [Rezension] [Amazon]
5.1 Night Witch 1-5 (Englischer Comic) [News]
6. The Hanging Tree (Roman), 2016/2017 [News] 


Ich hoffe, meine erste Buchreise hat euch gefallen. Wenn ja, lasst es mich wissen! Dann gibt es bald Nachschub. 🙂

Schwarzer Mond über Soho Book Cover Schwarzer Mond über Soho
Flüsse von London 2
Ben Aaronovitch
Urban Fantasy Krimi
dtv
7. Auflage (2015)
Taschenbuch
416

Constable Peter Grant ist ein ganz normaler Londoner Bobby. Die Abteilung, in der er arbeitet, ist allerdings alles andere als normal: ihr Spezialgebiet ist – die Magie. Peters Vorgesetzter, Detective Inspector Thomas Nightingale, ist der letzte Magier Englands und Peter seit kurzem bei ihm in der Ausbildung.

Was im Moment vor allem das Auswendiglernen von Lateinvokabeln bedeutet, die uralten Zaubersprüche wollen schließlich korrekt aufgesagt werden. Doch als Peter eines Nachts zu der Leiche eines Jazzmusikers gerufen wird, verliert das Lateinstudium auf einmal seine Dringlichkeit. Peter findet heraus, dass in den Jazzclubs in Soho, im Herzen Londons, plötzlich verdächtig viele Musiker eines unerwarteten Todes sterben. Hier geht etwas nicht mit rechten Dingen zu ...

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