Nanowrimo – Lehrreiche Romane

Nanowrimo: Lehrreiche Romane

Dieser Beitrag handelt von meiner Liebe zum Minimalismus in der Literatur. Seit zwei Jahren blogge ich, über 160 Rezensionen sind in dieser Zeit entstanden. Die Idee, einen Blog mit einer Art Lesetagebuch zu füttern, entstand, weil ich auch davor stapelweise Bücher durchpflügt habe. Zusätzlich habe ich selbst geschrieben, veröffentlicht und schließlich aufgegeben. Ich bin ein Theorie-Mensch. Ich wollte wissen, wie Literatur funktioniert. Warum funktionieren manchmal die einfachsten Storys und wieso halte ich die „ganz hohe Kunst“ manchmal nicht bis Ende durch? Am Anfang schreibt man für den Papierkorb, später für Ablehnungen, um schließlich in der Verlagslotterie zu landen: Wieso gibt es kein Konzept, was immer klappt?

In meiner Blog-Zeit wurde mir einiges klar.

Immerhin lernt sie was…

Erstens hatte ich den größten Erfolg mit meinen einfachsten Storys. Für vielschichtige Storys mit vielen Twists war ich nie gut genug. In meinem Kopf entstand ein Epos, auf dem Papier landete Verwirrung. Oder anders: Meine Ideen waren zu groß für mein Talent. Weniger ist mehr.

Zweitens: Man kann Geschichten kaputt quatschen und planen. Beides geht. Der Weg, dies zu umgehen, ist für mich die Planung meiner Schreibzeit und meines Wortziels pro Tag. Ich schrieb früher neben dem Studium Heftromane und hatte ein Pensum von 3000 Wörter pro Tag, was für keinen vielschichtigen Roman klappen kann. Ben Aaronovitch schreibt Bestseller mit 500-1000 Wörtern pro Tag. Der Nanowrimo setzt einen Schnitt von 1667 Worten pro Tag voraus. Das funktioniert also nur, wenn ihr eine in der Quali eines Heftis geschriebene Rohfassung haben wollt, die ihr später wochenlang überarbeitet. Aber: Ihr habt dann ein Manuskript – und das motiviert. Aber für mich funktioniert das nicht. Auch hier: Weniger ist mehr. Stresst euch nicht, wenn ihr hinterherhinkt.

Drittens: Ich liebe Bücher: Bestseller und Indies. Mein Autoren-Ich liebt andere Bücher als mein Leser-Ich. Als Autor liebe ich Minimalismus. Klare Motive, stete Spannung, wenige aber starke Charaktere. Mein Ziel fürs nächste Projekt ist klar: Schreiben lernen wie Phillip P. Peterson in „Transport“ oder Charlie N. Holmberg in „Der Papiermagier“. Denn beide Romane sind für mich nahezu perfekt geschrieben. Das finden auch andere, denn in den letzten Jahren haben sich beide als sehr erfolgreiche Indies im kindle-Universum herausgestellt.

Minimalismus als Stilmittel

Transport und Der Papiermagier haben einige Gemeinsamkeiten und auch gravierende Unterschiede. Zuerst das Naheliegende: Sie bedienen völlig verschiedene Genres. Bei Transport handelt es sich um einen moralischen Hard-SciFi-Thriller, der Papiermagier ist ein in Ansätzen romantischer Fantasy-Thriller um 1900. Alien-Artefakte treffen auf zauberhafte Papiermagie. Gegner sind das Militär und eine böse Hex. Protagonist ein Ex-Soldat & Strafgefangener und eine junge ehrgeizige Zauberschülerin.

Worum geht´s überhaupt?

Bei Transport verfolgen wir die Experimente zur Erforschung außerirdischer Portal-Artefakte. Das Militär bietet einigen Todeskandidaten einen Deal: Riskiert euer Leben bei zehnmaliger Nutzung der Artefakte. Wenn ihr überlebt, bekommt ihr eure Freiheit zurück. Die Koordinaten sind zufällig, niemand weiß, wohin der nächste Transport führt. – 298 Seiten

[Zur Rezi: Transport 1]

Der Papiermagier ist eine Zauberschulgeschichte. Ceony ist verzweifelt: Sie wollte Metallmagierin werden, jetzt wird sie der Papier-Fakultät unter Magier Thane unterstellt. Origami statt Schmelzofen. Eine Exzisorin (verbotene Fleischmagie) reißt Mag. Thane das Herz aus der Brust und flieht. Ceony beschließt, Thane zu retten – als Anfängerin, aus purem Ehrgeiz und mit Hilfe der ihr verhassten Papiermagie. – 251 Seiten

[Zur Rezi: Papiermagier 1]

Was sind Gemeinsamkeiten beider Romane?

Ihre Liebe zu klaren Strukturen, ihr Minimalismus. Beide Romane sind kurz, klar. Beide verfügen nur über einen Handlungsstrang. Bei Transport gibt es eine feste Gruppe von zehn Gefangenen (kleiner werdend) sowie zwei weitere wichtige Vertreter des Militärs/der Wissenschaft. Der Papiermagier kommt tatsächlich mit drei wichtigen Charakteren aus. Transport spielt (mit kurzen Ausflügen) in der Militärbasis, Der Papiermagier spielt an zwei Schauplätzen: Thanes Haus & Thanes Herz.

Besonders an Transport fand ich das Zusammenwachsen von Gefangenen und Militär zu einem Team, die Gruppendynamik und die zeitweise Tiefe: Was ist ein Menschenleben im Dienste der Wissenschaft wert? Wie leben die Probanten im Wissen, dass jeder Tag ihr letzter sein könnte? Protagonist Russell schafft es trotz „Russisch Roulette“-artigen Experimenten, jeden Tag durchzustehen, gegen sich selbst zu kämpfen und sich unermüdlich an die Hoffnung auf Freiheit zu klammern.

Very special an Der Papiermagier sind die Kontraste, die aufeinanderprallen. Als zauberhafte Lovestory angefangen, entwickelt sich die Story bald zu einem blutigen Kriegszug einer ehrgeizigen Schülerin. Denn Ceony ist eine Kämpferin: Auch wenn ihr nur Papier zur Verfügung steht, ist sie fest entschlossen, der bösen Magierin damit den Schädel zu spalten. Man verzeihe mir meinen allzu klaren Ausdruck.

Und natürlich sind beide Romane nicht perfekt. Für mich hätten die Dialoge zwischen den Transports etwas tiefer sein können, ebenso die Stereotypen. Und Ceony ist manchmal unfassbar naiv. Ist aber egal, weil ich beiden Protagonisten abnehme, genau so zu sprechen oder handeln.

Aus fremden Fehlern lernen

lehrreiche romaneUm noch einen dritten Literatur-Tipp loszuwerden: Meine dritte Empfehlung für Autoren ist Götter von Will Hofmann. Für mich war der Roman eine riesige Enttäuschung und zeitgleich lehrreich. Denn die Idee des Romans ist klasse, der Aufbau okay und die Art durchdachte Dystopie eigentlich eine bombensichere Sache. Das Buch müsste mich begeistern!

Tut es aber nicht, und das Problem sehe ich bei der Erzählweise und den Perspektiven, Dialektgehakel, fehlenden Emotionen, sinnfreien Konflikten und 0 Spannung, unklugen Entscheidungen etc. Hier wird „Show, don´t tell“ auf 400 Seiten konsequent und in jeder Hinsicht ignoriert. Ein Feuerwerk ungenutzten Potenzials bei einer so klugen Idee! Kurz: Götter wurde aus meiner Sicht ausschließlich erzähltechnisch an die Wand gefahren! Und daraus kann man lernen.

[Zur Rezi: Götter]

Glückstreffer?

Soweit zu meiner ganz persönlichen Literaturempfehlung für den Nanowrimo. Oben hatte ich erwähnt, dass mein Autoren-Ich andere Bücher liebt als mein Leser-Ich. Die oben erwähnten Bücher sind keine Meisterwerke wie Harry Potter oder Der Herr der Ringe. Dennoch haben sie sich in den letzten Jahren zu Bestsellern unter den Kindle-Indies gemausert. Mein Leser-Ich steht auf Douglas Adams, Isaac Asimov und Jasper Fforde. Aber seien wir ehrlich: Douglas Adams Romane sind Meisterwerke, die auf dem heutigen Buchmarkt keine Chance mehr hätten. Kurz: Typische Indies, die sich von Zeit zu Zeit in die Verlagslotterie werfen und in der Schwemme der Manuskripte vielleicht nie entdeckt würden. Weil sie handwerklich nicht auf den Punkt geschrieben sind. Weil sie extravagant sind und es purer Zufall ist, dass sie dennoch funktionieren. Der Otto-Normal-Schreiberling kann daraus aber absolut gar nichts lernen.

[Apropos – falls Ihr es kennt: Ich bin der festen Überzeugung, dass Die unsichtbare Bibliothek eine handwerklich besser und dadurch massenfreundliche 2014-Version der extravaganten Thursday-Next-Reihe aus den 1980ern ist. Die Tatsache, dass ich lieber „das Original“ lese, qualifiziert mich nicht gerade als Schreibcoach.]

Fazit: Drei Literatur-Tipps für bessere Sturuktur im Nanowrimo-Chaos

Damit habe ich alles gesagt, was ich los werden wollte. Zwei simple Romane, die unglaublich gut funktionieren, weil handwerklich gut geschrieben: Transport von Phillip P. Peterson und Der Papiermagier von Charlie N. Holmberg. Da beide kindle-Indies sind, sind die eBooks über die Prime-Optionen (Prime Reading; kindle Leihbücherei) erhältlich oder für wenig Moos zu erwerben. Ein Roman mit gut durchdachter Idee, die rein erzählerisch an die Wand gefahren wurde: Götter von Will Hofmann. Den Roman könnt ihr kostenlos bei Readfy lesen (nach Registrierung, wenn euch Werbeeinblendungen nicht stören). Alles meine ganz persönlichen Eindrücke als Vielleserin.

Ich hoffe, meine Eindrücke konnten Euch helfen oder zumindest motivieren. Gute Literatur braucht nicht viele Seiten. Gute Literatur braucht nur eine gute Idee. Und Mut, Geduld und handwerkliches Geschick. Es ist leichter, einer schlichten Story weitere Ebenen und Highlights einzuflechten, als einem prachtvollen Epos Struktur zu verpassen. Aber auch das sieht wohl jeder verschieden. Ich wünsch Euch viel Kraft für den Nanowrimo; 30 Tage powern, im Dezember kühlt der Schnee den Hirnbrand.

Viel Erfolg!


Hier noch die Amazon-Links zu den Büchern:

Götter gibt es – wie gesagt – in der Readfy-App. (Stand: 26.10.2017)

 

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