[Rezension] Faszinierend: Phillip P. Peterson´s Paradox entführt uns ganz schwerelos an die Grenzen der menschlichen Vernunft

Phillip P. Peterson: Paradox (Am Abgrund der Ewigkeit) ©Phillip P. Peterson

[Rezension] Faszinierend: Phillip P. Peterson´s „Paradox“ entführt uns ganz schwerelos an die Grenzen der menschlichen Vernunft

Ich hab´s schon wieder getan! „Paradox“ heißt Petersons zweiter Streich. Ebenfalls Hard-SciFi, doch diesmal ohne Angst. Nachdem „Transport“ zu meinen Lieblingen zählt, war Paradox für mich ein Pflichtkauf! Diesmal flog ich mit ihm in der Helios bis an den Rande des Weltraums. Und ich will´s immer wieder tun!

Das kann kein Zufall sein

David Holmes arbeitet auf dem Campus des Caltech an seiner Doktorarbeit. Sein Forschungsobjekt ist der Satellit Voyager 2. Doch als dieser an die äußere Grenze des Sonnensystems gelangt, bricht der Kontakt plötzlich ab. In genau derselben Entfernung zur Sonne, an der auch Voyager 1 viele Jahre zuvor verschwand. Nur ein Zufall? David vermutet: Dort draußen ist etwas. Oder irgendwer.
Da draußen ist noch mehr: Die letzte Besatzung der altersschwachen ISS: Ed, der letzte Kommandant, Wendy, die Wissenschaftsastronautin, und Arkady, der schweigsame russische Ingenieur. Ihre Aufgabe ist es, die noch verbleibenden zwei Monate bis zum Ende der ISS-Mission Experimente für die Wissenschaft durchzuführen. Doch dann geht plötzlich alles schief… Wundervolle Momente der Schwerelosigkeit folgen, gepaart mit knackig-bezaubernder Action.
Der Weg zu den Sternen…: Antimaterie ist der Schlüssel zu den Toren neuer Sonnensysteme. So entwickelt die Firma Centauri Industries Sonden, die mit halber Lichtgeschwindigkeit und Antimaterie-Antrieb die Grenze unseres Sonnensystems erreichen. In bereits 15 Jahren sollen den Sonden bemannte Raumschiffe mit Kolonisten folgen. Soweit die Pläne Arthur Wymans, der sich selbst als „Visionär“ bezeichnet. David schwant böses, dennoch stimmt er zu, die Mission zu unterstützen.
…ist versperrt?: Bald schon bewahrheiten sich Davids Vermutungen: Keine Sonde schafft es, die Grenze des Sonnensystems zu passieren. Gemeinsam mit der NASA und dem Pentagon plant Centauri Industries nun, ein Aufklärungsschiff auszusenden. An Bord eine Elite, zu der er gehören soll.

Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten

Grünschnabel David Holmes ist Theoretiker, und das gerne. Nun bietet sich ihm die Chance ins All zu fliegen. Für ihn ist das die Erfüllung eines Traumes, den er nie hatte. Würde er es irgendwann bereuen, nicht geflogen zu sein? – Ed ist ein erfahrener Astronaut, ein Einzelgänger. Ein Wolf, der gezwungen ist, nachzugeben. Und was er überhaupt nicht gebrauchen kann, ist ein Papiertiger wie Holmes in seinem Revier. – Es kommt, wie es kommen musste: Schon bei der Vorbereitung stößt David an seine Grenzen. Plötzlich scheint jeder ihm Steine in den Weg zu legen. Wird es ihm gelingen, sich durchzubeißen? Und möchte er das überhaupt?
Alles viele Nummern zu groß für David. Alles viele Nummern zu hoch für Ed. Zu ihnen gesellen sich Wendy, die mütterliche Wissenschaftsastronautin, und Grace, Ingenieurin und Miterbauerin der Helios, stellverstretend für die Centauri Industries.
Im Gegensatz zu „Transport“ nimmt sich Phillip Peterson diesmal Zeit und Platz uns tiefe Einblicke in jeden der vielschichtigen Charaktere zu geben. Es ist ein Himmelfahrtskommando, doch jeder von ihnen hat ein starkes Motiv, einen eisernen Willen. So belauschen wir Eds Ehekrisen, lernen Gary kennen und sind bei Davids Entscheidungsfindung bei seinen Eltern live dabei.

„Junge, hör mir zu. Wenn du in unserem Alter bist und langsam über deinen Ruhestand nachdenkst, wirst du dich fragen, ob deine Entscheidungen im Leben richtig waren. Und ich kann dir aus eigener Erfahrung versichern, dass du ungenutzte Chancen mehr bedauern wirst als alles andere.“ (Kap. 13)

Wir lernen ihre Sorgen kennen, ihre persönliche und ganz private Vorbereitung auf diesen Einsatz.

Eine schwere Bürde

Und die Erde erzittert. In Afrika wüten Kriege um Ressourcen. Zuviel Krieg auf der Welt, als dass die Menschen die Erkundung des Weltraumes interessiert. Nur einige Firmen haben Interesse an der Erschließung neuer Quellen, während die Länder ein solches Unterfangen längst nicht allein finanzieren können. Doch was würde ein eventueller Erfolg der Unternehmung bewirken?
Schließlich stellt sich nicht nur die Crew der Helios die Fragen: Ist die Menschheit bereit dafür, so tief in den Weltraum vorzudringen? Würden wir verantwortungsbewusst Annehmen können, was sich uns offenbart?

„Alle Menschen, die es gibt, sind auf dieser kleinen Kugel, die einsam ihre Bahnen inmitten des Alls zieht wie eine Insel des Lichts in einem Ozean der Finsternis“, meinte Wendy mit heiserer Stimme. „Und ihre Bewohner haben nichts Besseres zu tun, als sich gegenseitig umzubringen und in ihrer Habgier den Planeten zu ruinieren.“ (Kap. 38)

Wundervolle Schwerelosigkeit

Phillip P. Peterson trifft erneut genau meinen Geschmack. Paradox ist spannend und voll tiefer Konflikte. Die Charaktere gefallen mir sogar noch besser als bei Transport, wobei die Thematik ähnlich und nach wie vor topaktuell ist. Wer vielschichtige Unterhaltung mit philosophischem Ansatz schätzt, der sollte es ungeachtet der sonstigen Lesegewohnheiten mal versuchen.
Abgesehen von der Thematik ist es aber auch einfach nur richtig gut geschrieben. Man sieht sich ganz schwerelos an der Seite von Ed und David durchs Weltall schweben – und diese Leseerfahrung ist einmalig.
Und so sage ich: Das müsst ihr lesen! 🙂 Und freue mich auf Petersons nächsten Streich.

Wer lieber mit knackigen 250 Seiten beginnen möchte, der schaut sich Petersons ersten Roman an: Transport.


Hintergründe:

Im Anhang klärt Peterson umfassend über die dem Buch zugrunde liegenden Quellen auf und empfiehlt Fachliteratur. (Ich bleibe doch lieber bei „Leschs Kosmos“.)

Im Grunde sind wir immer noch Affen, die sich am Baum festkrallen, wenn der Boden nicht unmittelbar unter den Füßen ist. Was für eine Erfahrung! (Kap. 49)

(weil es zu sehr am Hauptthema vorbei geht und trotzdem erwähnenswert ist) Paradox ist auch die Welt, in der David lebt. FIPS201 heißt das Formular, was dem Caltech als Davids Arbeitgeber gestattete, sein komplettes Privatleben zu überwachen. Eine Weigerung, es zu unterschreiben, würde ihn verdächtig aussehen lassen. In diesen Fällen ist es der Homeland Security gestattet, das Privatleben eines Verdächtigen umfassend zu überwachen… Ihr versteht das System?

Die Goldstone-Liste wurde nach den Terroranschlägen des 19. Januar 2019 eingeführt. Auf ihr stehen Personen, die antiamerikanischer Aktivitäten verdächtigt werden. Wer auf der Goldstone-Liste steht, wird vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen: Kein Flugzeug, kein Zug, kein Bus nimmt ihn mehr mit, kein Arbeitgeber stellt ihn ein.

„Nicht alles, was recht ist, ist auch richtig“, beharrte David.
„Das haben Sie nicht zu beurteilen.“ Vasquez nahm ein Blatt Papier aus einer Schublade und legte es vor David auf den Schreibtisch. „Unterschreiben Sie!“

Paradox Book Cover Paradox
Phillip P. Peterson
Science Fiction
CreateSpace Independent Publishing Platform
03.08.2015
Taschenbuch, ebook
450

Gravity meets Apollo 13 meets Truman Show - ein spannender Astronautenthriller über eine Reise an die Grenzen der Realität - vom Autor von "Transport"

8 Gedanken zu “[Rezension] Faszinierend: Phillip P. Peterson´s Paradox entführt uns ganz schwerelos an die Grenzen der menschlichen Vernunft

    • Hallo Jingo,

      was genau meinst du denn mit „in eine ähnliche Richtung“? Generell ist „ähnlich wie“ immer schwer, und „anders“ auch meist toll. Aber Bücher „wie Peterson“, die such ich auch! 🙂

      Wenn es dir um Weltraum-Abenteuer geht, kann ich dir wenig Neues empfehlen. Hast du die Klassiker und Bestseller schon durch? Eschbach, Baxter, Brandhorst…

      Die Bücher von Thariot sollen sehr gut sein, er ist auch deutscher Indie-Autor. Die stehen bei mir auch weit oben auf der Leseliste. Auch Apollonia Sensenschmidts Relikte der Erbauer hat mit gut gefallen, ist aber weniger philosophisch, dafür mit Außerirdischen. http://blog.krearchiv.de/relikte-der-erbauer/

      Wenn es dir um die philosophische (moralische) Note geht, schau im Blog mal nach dem Schlagwort PhiloSciFi:
      http://blog.krearchiv.de/tag/philoscifi/ Generell findest du philosophische Einflüsse oft in Dystopien, wie Silo von Howey oder The Rising von Münter.

      Zum Thema anspruchsvolle SciFi: Da Paradox auch für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert wurde, hier die anderen (hoffentlich ebenso fantastischen) Nominierten: http://www.kurd-lasswitz-preis.de/2016/KLP_2016_Bester_Roman.htm

      Ansonsten habe ich noch einen super Tipp: Garantiert wie Transport wird wohl Transport 2. Der Nachfolgeband erschien HEUTE (vor 2 Stunden) im kindleStore. Echt jetzt!

      Falls du mit der „ähnlichen Richtung“ knackige SciFi auf unter 300 Seiten meinst, wie Transport es ist, muss ich dich enttäuschen. Das ist wirklich eher die Ausnahme. 😉

      Ich hoffe, ich konnte Dir helfen.
      LG, Lächeln

      Ps. Phillip Petersons Buchtipps gibt´s hier: http://raumvektor.de/buchtipps/

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: