[Rezension] Pfeffrig: Philipp Schmidt Auftakt (Schattengewächse 1) – Eine literarische Handgranate

IMG_2534[Rezension] Pfeffrig: Philipp Schmidt Auftakt (Schattengewächse 1) – Eine literarische Handgranate

Unscheinbar kommt es daher: Auftakt von Philipp Schmidt – ein L, zwei P, Schmidt mit dt. Wer es googlet, findet einiges, meist anderes. Es fand mich – zum Glück!
Auftakt ist der Beginn der 9-teiligen abgeschlossenen Science Fiction-Serie „Schattengewächse – eine nahe Zukunft“. Ein hartes Buch mit harter Schale und hartem Kern, wie es scheint.
Unentschlossen war ich anfangs: Nein, die Bilder mochte ich nicht. Und der Klappentext wirkt nichtssagend. Das Vorwort: bissig. – Das ist ne Ansage (bzw. eben keine). Also ab ins Abenteuer – „in medias res“, wie der Doc zu sagen pflegt – und was ich fand, übertraf meine Erwartungen bei Weitem.

Eine gefährliche Mission für die Gossenhüter

„Flocke“ nannte sie der Straßenarzt Richard „Doc“ Dreifuß, als er das Junkie-Mädchen fast leblos auffand, und bot ihr die Chance, ein neues Leben zu beginnen. Jetzt, wenig später, wendet sich Flockes Blatt erneut: Den Gossenhütern soll sich das Mädchen anschließen, und ihre Ausbildung als Wahrseherin beginnen. Nur: Ist sie für die zerbombte Welt dort draußen geschaffen? Was kann sie in dieser korrupten Dreckswelt schon bewirken?

Drei Jahres seines Lebens hatte der Knast ihm gestohlen, und nun, da Sligo endlich wieder auf freiem Fuß ist, scheint von seinem vorherigen Leben nicht viel übrig: Nur sein Bruder Trim und die Erinnerungen an die Zeit mit Lisa… Bald merkt er, dass auch seine Feinde ihn nicht vergessen haben.

Sechs Gossenhüter, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Flocke, Sligo, Bisam, Wespe, Orca und Bulldog. Ein Auftrag, wie er gefährlicher nicht sein könnte: Ziel ist die gefürchtete Todeszone – ein Gebiet, in dem einst biochemische Waffen das Land verseuchten. Viele wundersame Gerüchte kreisen um sie, doch keine Geschichte endet gut. So unterschiedlich ihre Motive auch sind: Geld, Macht, Ruhm, Familie. Letztendlich suchen die Glücksritter nach ihrer eigenen Unsterblichkeit, und sind bereit mit ihrem eigenen Leben zu bezahlen.

Nachkriegswelt: Die Dystopie, in der sie leben

Nach dem großen Konzernkrieg liegen die Städte brach; Flöter und Wiedergänger beherrschen die Nacht. Die Menschheit lebt in abgeschotteten Siedlungen – wenn sie sich diese Sicherheit leisten können. Doch in die edlen Konzernvillages schafft es kaum einer.

Die Megakonzerne halten die Welt fest in ihrem unerbitterlichen Griff: Nichts geschieht ohne ihr Wissen, ihre Duldung, ihr Zutun. Gefährlich werden sie sich höchstens gegenseitig.

In den Gossen herrscht Anarchie, im besten Falle noch der Kodex. Die Blauen Engel, der korrupte Haufen Polizei auf Seiten der Konzerne, der den Schein einer Ordnung aufrecht zu halten versucht, sind dem Bürger keine Hilfe. Aber es gibt die Ewige Kerze, der geheime und weltweit agierende Zirkel der Gossenhüter, welche sich bemüht, die Welt im Loot zu halten. Was aber, wenn auch sie ins Schwanken gerät?

Die Chars: Gut geskillt ist halb gelootet

„Meine Welt ist in den letzten Wochen größer geworden. Sie ist noch immer voller Gefahren, aber jetzt fürchte ich sie nicht mehr. Jedenfalls, kaum noch.“- Flocke, S. 19 

Mein Highlight waren die konfliktgetriebenen Charaktere: Sligo, der erfahrene Haudegen. Flocke, das verirrte Kind. Die geheimnisvolle Orca. Wespe, die waffenbegeisterte, unterkühlte Killerin. Alphatier Bisam. Bulldog, der meist unterschätzte Muskelberg. Alle Charaktere scheinen zunächst einem Videospiel wie Metal Gear Solid entspungen: Super unterkühlte Stereotypen, die nach einer Reihe misslungener Missionen von Zweifeln geplagt ihrem Image entspringen – und sich wunderbar weiterentwickeln. Herrlich, schlägt das Gamerherz.

Der Eindruck: Die literarische Handgranate

Actionreich, frisch und wild. – Das ist der „Auftakt“ zu Philipp Schmidts „Schattengewächse – eine nahe Zukunft“. Es liest sich, als habe er alle actionreichen Ideen, unzählige Twists und Eindrücke mit geballter Power aufs Papier gepfeffert. Das ist erfrischend, aber auch zeitweise konfus. Stimmungsvoll ist seine Welt, doch fehlte mir die Kontur: Wie kann ich mir die Dystopie im großen Ganzen vorstellen? Verschwommen erschloss sich mir die Szenerie nur von Ort zu Ort, ähnlich einem schlauchartigen Leveldesign.

Beispielsweise befahren Autos die zerbombte Landschaft: Zwei Vans im Prolog, auch die Gossenhüter nutzen PKW. Sind die Straßen also intakt und viel befahren? Später stellt sich heraus: Sogar Taxis und öffentlichen Nahverkehr gibt es in den Städten, gibt es also einen Alltag, Handel und Pendler in den Städten? – Meine Vorstellung der Welt musste ich zweimal korrigieren.

Ähnlich: Die Gossenhüter landen auf einer Baustelle, auf der diverse Maschinen herumstehen. Leser mit gesunder Paranoia checken Handlungs- und Fluchtmöglichkeiten, zudem wäre für die Stimmung direkt zu Anfang gut zu wissen: Ist die Baustelle aktiv (Neubau, Wiederaufbau, Hoffnung) oder verfallen (Ruine, Schrott, Tristesse)? Bauen die Konzerne (ihre Macht aus) oder wehren sich Bürger und schaffen neuen lebenswerten Platz?

Circa 60 holprige Seiten benötigte ich, um ein Gespür für die Welt zu bekommen. Das lag vor allem daran, dass die Welt in dieser Art für mich neu war: Eine halb zerbombte Welt mit Handynetz, aber ohne allgemein zugängliches Internet? Das eröffnet neue Möglichkeiten. Auch an den gossentypischen Fachjargon musste ich mich gewöhnen. Danach las ich das Buch rasant zuende.

Eine PhiloSciFi-Empfehlung

Auf schmalen 232 Seiten fand ich erstaunlich viele Facetten einer für mich perfekten Dystopie: Philosophische Ansätze bei Kneipengesprächen über den Fortschritt der Menschheit, detailverliebte Schilderungen des Kodex und des Gossenhüterspiels Lügenpasch (mit Tricks und Kniffen) sowie absolut unvorhersehbare Twists und Wendungen immer, wenn man am wenigsten damit rechnet.
Ansich fehlt nur noch ein FSK 18 auf dem Titel (und das krearchiv-Prädikat „Lesenswert“, was ich zuvor erfinden muss): Ich empfehle „Auftakt“ von Philipp Schmidt allen SciFi- und Dystopie-Fans, Gamern und geplagten Ehefrauen, die ihre Männer von den Konsolen dieser Welt losreißen wollen. Science Fiction made in Germany – I love it!

Stern4


 

[Übersicht] Philipp Schmidt: Schattengewächse – eine nahe Zukunft

1. Auftakt
2. Die Triadenkönigin
3. Alles auf Zero
4. Zurück in den Gossen
5. All In
6. Auf die harte Tour
7. Bis zum letzten Bit
8. Aufstand
9. Zu den Sternen


IMG_2540Ps. Schaut euch die Cover zu den anderen Teilen an: Es lohnt sich. „All In“ erinnert mich ans „Hotline Miami 2“-Cover.


Auftakt Book Cover Auftakt
Schattengewächse - eine nahe Zukunft 1
Philipp Schmidt
Actiongeladene Dystopie mit zeitweisem Tiefgang
Ferge Verlag
02.04.2015
Taschenbuch
236

Die ersten Missionen auf den düsteren Straßen von Berlin und Edinburgh. Die Gossenhüter Flocke, Sligo, Bisam, Wespe, Orca und Bulldog finden zueinander und geraten bald in einen Kampf ums nackte Überleben. Werden sie heil aus der Sache rauskommen? Eine atemberaubende Geschichte nimmt ihren Anfang. Hintergrund der Serie: Wir schreiben die Jahre 2038 – 2060. Dunkle Jahre sind es, Jahre des Chaos, Jahre der Umwälzungen. Megakonzerne haben die Macht an sich gerissen und die Rolle der früheren Regierungen zu den größten Teilen übernommen. Kartelle und Banden beherrschen die Straßen. Die Welt steht am Abgrund. Zwischen Licht und Schatten, zwischen Gut und Böse kämpft der Stand der Gossenhüter ums Überleben und bald schon um das Schicksal des gesamten Planeten.

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