Qualityland helle edition marc-uwe kling

Qualityland helle Edition – von Marc-Uwe Kling

Qualityland helle edition marc-uwe kling[Rezension] Marc-Uwe Kling: Qualityland – helle Edition – Utopie

QualityLand heißt der neue futuristische Roman des Bestsellerautoren Marc-Uwe Kling (Die Känguru-Chroniken). Das Hardcover ist in zwei verschiedenen Versionen erschienen, welche sich durch unterschiedliche „Empfehlungen/ Werbung/ Nachrichten“ zwischen den Kapiteln unterscheiden. Während die Edition mit dunklem Cover ein dystopisches Weltbild zeichnet, erweckt Qualityland helle Edition den Anschein einer Utopie. Da es auf dem Markt viele Dystopien gibt, Utopien aber eher selten sind, fiel meine Wahl auf die helle Edition. Leser einer Version können die fehlenden Texte der anderen Version online einsehen: [Werbung der dunklen Version] & [Werbung der hellen Version]. So oder so könnt ihr also in der Editionswahl nichts falsch machen.

Zukunft 2.0: Die unmögliche Wahl

Peter Arbeitsloser besitzt eine Schrottpresse, einen TheShop-Account und einige kaputte Maschinen. Seine Partnerin Sandra Admin lernte er über QualityPartner – die Partnerbörse mit Singles auf gleichem Niveau – kennen. Als Sandra beruflich einen Karrieresprung hinlegt, erhöht sich auch ihr Gesellschaftslevel. Das lebenslange PartnerCare-Programm bietet ihr nun die Möglichkeit, einen Partner, angemessen ihres neuen Levels, zu finden. Aufgrund der folgenden – von Peter ungewollten – Trennung fällt Peters Gesellschaftslevel unter zehn. Ab jetzt ist er ein „Nutzloser“, ausgestoßen von der Gesellschaft.

Martyn Vorstand brachte es in seinem Leben zu nichts, und wurde deshalb Politiker. Auch dieses Jahr ist er auf Seiten der Qualitätsallianz beim Wahlkampf vertreten. Doch der läuft anders als erwartet. Der Kandidat der gegnerischen Fortschrittspartei heißt John of Us – und ist ein Androide. Ein Androide als Präsidentschaftskandidat? Tony Parteichef ist davon überzeugt. Die Rechenkraft des neuen Kandidaten wird QualityLand krisenfrei in die Zukunft führen. Denn Maschinen machen keine Fehler! Doch kann die reine instrumentelle Vernunft gegen die Fake News und Wut des rechten Populisten Conrad Koch bestehen?

Gesellschaftskritik: Füttere nicht, was nicht wachsen soll!

„Ich habe immer befürchtet, dass die Maschinen eines Tages die Macht ergreifen“, sagt er [Martyn] zu seiner Frau. „Aber dass sie es tun, indem sie sich wählen lassen – damit hab ich nicht gerechnet.“ (Pos. 1568)

Marc-Uwe Klings Roman zeigt das Leben in QualityLand aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln. Peter Arbeitsloser lebt ein frustriertes Dasein ohne Freiheiten, welches vom System gesteuert wird. Als Nutzloser wird ihm kaum Möglichkeiten geboten, sein Leben zu verbessern. Der Wahlkampf rund um den Androiden John of Us und der Einblick ins Leben von Martyn Vorstand zeigt die Spitze der Gesellschaft: Als privilegierte Bürger hohen Gesellschaftslevels stehen der Oberschicht viele Optionen offen, doch auch ihre Handlungen werden überwacht.

Besonders an QualityLand ist die Selbstverständlichkeit, mit der sich das Zukunftsszenario in unseren Köpfen selbst erklärt. Denn wir alle kennen die Risiken der KIs, die wir in unserem Alltag mit Daten füttern. Die von Kling geschilderten Entwicklungen der Gesellschaft resultieren aus staatlichem Missbrauch heutiger Technik, zum Wohle der Gesellschaft, bzw. derer, die man als Gesellschaft fördern möchte. Dass sich die Automatisierung des Utilitarismus durch einen allmächtigen Algorithmus jeder Kontrolle durch Menschen entzieht, scheint für die bevorzugte Oberschicht kein Problem. Doch wo die Empathie fehlt, fallen ausgemusterte Individuen wie Späne zwischen die Räder des Systems. Peter Arbeitsloser versucht, der ihm zugerechneten Filterblase und somit seinem gesellschaftlichen Untergang zu entkommen.

Menschliche Maschinen: Psychos wie Du und ich

Das Roboterbild aus QualityLand unterscheidet sich grundlegend von dem in der Science Fiction. So erzählt Kling in vielen Details auch die „Lebenswege“ ausgemusterter Maschinen, von einem Kampfroboter mit posttraumatischer Störung, einer E-Poetin mit Schreibblockade und einem elektronischen Rechtsanwalt, der so etwas wie ein Gewissen entwickelt hat. Aber verfügen Maschinen über eine Seele? Und wenn ja, wieso handeln sie dann selbstredend unter dem Mantel der Objektivität? Emotionslos sind diese Maschinen jedenfalls nicht, was den ein oder anderen starken Charakter hervorzaubert.

Fazit: QualityLand ist everybody´s darling.

QualityLand ist ein futuristisches Szenario, in dem die Konsequenzen des „Gläsernen Menschen“ auf die Spitze getrieben wurden. Peters Level schränkt die ihm gebotenen Möglichkeiten stark ein. Ohne Möglichkeiten, sein Leben zu verbessern, wird er nie ein höheres Level erreichen. Eine selbsterfüllende Prophezeihung: Ein Teufelskreis, der durch unser heutiges Nutzerverhalten gefördert, wenn nicht gar verursacht oder erst möglich wurde.

In dieses Szenario setzt Kling eine Menge kauziger Charaktere, allerhand verrückte Erfindungen und einen Protagonisten, der sich in dieser für ihn alltäglichen Realität noch zu wundern vermag. Eine wahre Kämpfernatur – auf seine verschrobene Art und Weise, mit seinen eingeschränkten Mitteln und nicht zu unterschätzendem Biss.

QualityLand ist ein cleverer und frischer Roman, der für die verschiedensten Lesertypen geeignet ist. Egal, ob du nun grübeln, schmunzeln oder wissen willst, wie es mit uns in einer verrückten Zukunft weitergehen könnte. Jederzeit witzig tröstet Klings Schreibstil glatt darüber weg, dass im Nachhinein doch recht wenig im Buch passiert ist.

Vielen Dank an den Ullstein Verlag für dieses Rezi-Exemplar!



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Qualityland helle Edition Book Cover Qualityland helle Edition
Marc-Uwe Kling
Satire
Ullstein Verlag
22.09.2017
eBook
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Willkommen in QualityLand, in einer nicht allzu fernen Zukunft: Alles läuft rund - Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. Trotzdem beschleicht den Maschinenverschrotter Peter Arbeitsloser immer mehr das Gefühl, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Wenn das System wirklich so perfekt ist, warum gibt es dann Drohnen, die an Flugangst leiden, oder Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung? Warum werden die Maschinen immer menschlicher, aber die Menschen immer maschineller? Marc-Uwe Kling hat die Verheißungen und das Unbehagen der digitalen Gegenwart zu einer verblüffenden Zukunftssatire verdichtet, die lange nachwirkt. Visionär, hintergründig – und so komisch wie die Känguru-Trilogie.

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