Seelen von London

Die Seelen von London von A.K. Benedict

Seelen von London[Rezension] A.K. Benedict: Die Seelen von London – Wortgewaltiger Geister-Krimi aus ungewohnter Perspektive

Die Seelen von London ist ein Urban Fantasy-Krimi der britischen Autorin A.K. Benedict, welcher in London spielt. Angekündigt als Konkurrenz zu Ben Aaronovitchs Flüssen von London, musste ich mich ins Abenteuer stürzen. Meine Version ist das ungekürzte (exklusive Audible-) Hörbuch, gelesen von Otto Strecker, das gut 11:40 Lesestunden umfasst.

Rätselhafter Fund in der Themse

„Die Themse hat ihre Bettdecke zurückgeschlagen und erzählt die Geschichten vergangener Nächte. Bald wird sie den Strand wieder zudecken.“ – 11.10 Min.

Finnigan ist auf der Flucht, quer durch London. Er ist ein Mörder, der keiner mehr sein will. Nun jagen seine früheren Kollegen jagen ihn quer durch die Stadt. Er hat es vermasselt: Seine große Liebe Rosa hat er im Stich gelassen, als er seinen Tod im eigenen Krematorium vortäuschte. Rosa stand am Grab und hat geweint, als wäre er wirklich tot. Viel zu spät wird ihm klar: Nun gibt es für ihn kein Zurück in ihre Arme. Aber was wäre, würde er einen Weg finden?

Tagsüber schaufelt Maria King bei Ebbe in der Themse nach historischen und archäologischen Fundstücken fürs Museum von London – nach Artefakten und Wertvollem. Seit sie ihre Blindheit einbüßte, trägt sie eine Augenbinde. Sie mag es nicht anders. Eines Tages findet sie einen abgetrennten Finger im Schlamm, inklusive Heiratsantrag ihres geisteskranken Stalkers, der ihr seit Wochen überall hin folgt. Für ihn ist Maria perfekt – oder wird es bald sein.

D.I. Jonathan Dark ist Cop und übernachtet, seit Natalie ihn rauswarf, im Büro. Als er vom Fall des abgeschwemmten Ringfingers in der Themse hörte, wird er zum Fall beordert. Letztes Jahr hatte er einen ähnlichen Fall: Tanja wurde gestalkt und tot aufgefunden. „Heirate mich, Tanja“, hieß es damals. -… und die Polizei konnte nichts tun. Ihrer Leiche fehlte der Ringfinger. Der Zusammenhang zwischen beiden Fällen ist eindeutig – und weitere vernetzte Fälle werden folgen.

Das Weltenprinzip: Die Geister, die ich nie rief…

„Aus dem Dämmergrau hervortreten“ nennt Bestatter Frank es, wenn Geister aktiv werden. Anstatt zu sterben, halten die Seelen mit aller Willenskraft an der Welt der Lebenden fest. Manche Geister können ab dort Einfluss auf die Welt nehmen. Doch nur wenige, wie Bestatter Frank, können sie sehen.

Geister und Lebende teilen sich die Stadt. Und wie in Franks Fall auch das Haus. Denn seine Frau Barbara verließ ihn nie, auch als sie starb. Seitdem führen sie eine ziemlich seltsame Ehe, aber immerhin: Sie sind zusammen. Doch Barbaras Zustand hat sich in letzter Zeit verschlechtert: Sie hört Stimmen und ist ständig erschöpft. Es scheint, auch die Ewigkeit hält nicht ewig an.

Seltsame Figuren: Freiwillig blind?

„Ihre Gedanken so niederzuschreiben, wie sie kommen, ist als wollte man Schneeflocken in Flaschen abfüllen.“ – 4:44 Std.

Die Seelen von London erzählt primär die Geschichte von Maria, einer blinden Schatzsucherin in London. Seit einer OP kann sie wieder sehen, doch wählt sie für sich mittels einer Augenbinde, weiterhin mit den Sinnen einer Blinden zu leben. Für sie ist die Welt des Sehens beängstigend – sogar mehr als das Gefühl des Ausgeliefertseins an ihren Stalker. Die Frage, die sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht, ist also: Wäre es nicht besser, sehen zu können, gerade wenn man gestalkt wird? Für Maria ein klares: NEIN! Den Roman macht das aber außergewöhnlich kompliziert für jede Nichtigkeit, auch wenn Schilderungen ihrer Sinneswelt die Story abrunden. Auf die Länge hätte ich mir Maria lieber in der Rolle eines wehrhaften statt -losen Opfers gewünscht, der Spannung zuliebe.

Die Seelen von London umfasst zahlreiche Handlungsstränge, Charaktere und Schauplätze. Leider ähnelt sich alle in der ersten Hälfte des Romans sehr: Die Atmosphäre ist durchweg düster. Alle Charaktere bleiben flach und haben (teils sehr) ähnliche Hintergrundstories: Ein Leben für den Job, eine gestörte Beziehung zu Partner oder Familie und dauerhafte Niedergeschlagenheit auf allen Seiten. Dazu nahm ich den meisten Figuren ihre Rollen kaum ab. Vor allem Polizist Jonathan Dark mit seiner ständig vor Social Media warnenden „Stimme der Vernunft“, während er selbst abends die dunkle Seite seines Liebeskummers erforscht, fand ich absolut jämmerlich. Lediglich Maria konnte mich zeitweise begeistern. Einzig die Situation durch die Augen von Marias unbekanntem Stalker zu erleben, verlieh der Story etwas Spannung.


Im direkten Vergleich: Aaronovitch & Stroud

Ben Aaronovitch: Flüsse von London

Der Werbe-/Klappentext beschreibt Die Seelen von London als „unwiderstehliche Mischung aus Krimi, Grusel und Urban Fantasy geschaffen – für alle, denen Ben Aaronovitch nicht unheimlich genug ist.“ (Amazon)

Im Roman versucht die Blinde Maria dem Polizisten Jonathan Dark ihre Wahrnehmung der Welt zu zeigen. Er verbindet sich also die Augen und sie fühlen sich durch die Stadt, über den Markt. Die Wahrnehmung Marias, ihre Entscheidung gegen das Sehen, steht im Fokus der Geschichte und flammt zeitweise zwischen den Zeilen auf. Wortgewaltige Empfindungen finden sich in ihren Gedanken, was ich schön gelöst fühle. Durch diese vielen Einblicke liest sich Die Seelen von London allerdings viel langsamer, fast besinnlich im Vergleich zu den humorvollen und Action geladenen Flüssen von London, die vor allem durch ihre vielfältigen Fantasy-Figuren leben. In Die Seelen von London gibt es „nur“ Geister, die für wenige sichtbar unter den Lebenden verweilen und über große Teile des Romans völlig farblos bleiben – auch charakterlich. Für mich zwei völlig verschiedene Urban-Fantasy London-Krimis.

Jonathan Stroud: Lockwood & Co.

Der Aaronovitch-Vergleich stammt also nicht von mir, der mit Jonathan Strouds Lockwood allerdings schon. Denn aufgrund der beschriebenen Parallelwelt ähneln sich die Themen, der Aufbau der Parallelwelt und auch die düstere Stimmung. Nun spielt Lockwood nicht direkt in der Gegenwart (oder zumindest in einer stark veränderten) und ist auch kein Krimi; dennoch ist das Prinzip der parallelen Geisterwelt ähnlich: Es gibt Sehende, die mit Geistern kommunizieren können. Die Agentur Lockwood & Co. nutzt diese Informationen, um vergangene Mordfälle aufzuklären und Geister zu bannen. Im Gegensatz zu der Geisterwelt in Die Seelen von London geht bei Lockwood allerdings eine Gefahr von den Geistern aus, die jeder Szene eine lauernde Gefahr beimischt. Bei Die Seelen von London wusste ich bis Dreiviertel des Buches nichts mit den Geistern anzufangen. Was bringt dieser vernachlässigte Konflikte der Hauptstory rund um Maria? Ein Rätsel…

Für mich spielen alle drei Reihen (falls Die Seelen von London eine wird) in unterschiedlichen Ligen, und die Seelen hinken leider hinterher.


Fazit: Düsterer Geisterkrimi im Flüsse von London-Style?

Leider nicht. Die Geisterwelt, die A.K. Benedict in Die Seelen von London erschafft, hat unglaublich viel Potenzial, welches nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft wird. Mit Sicherheit bietet sich die Story an, einen düsteren und gruseligen London-Krimi zu erschaffen, doch ohne Highlights geht die Story in monotoner Ermittlungsarbeit völlig unter. Die vielen langatmig erzählten Handlungsebenen sollten wohl eine runde Story erschaffen, die aber erst ab der Hälfte überhaupt in Schwung kommt. Bis hierhin wird die Geschichte mit übertrieben beleuchteten Hintergrundinfos tot gequatscht: Kaum eine Figur ohne Ex-Partner-Problem. Der Tod als ständiger Begleiter birgt kaum noch Spannung – bis zum letzten Viertel, was mich dann doch noch kurzzeitig abholte.

Wenn Euch britische Urban-Fantasy-Krimis gefallen, schaut doch mal in meiner Aaronovitch-Corner vorbei!


Seelen von London A.K. Benedict

[Amazon: Zum Buch]

[Amazon: Zum Hörbuch]


…Mini-Werbung… 😉 Ich dank Euch!

Die Seelen von London Book Cover Die Seelen von London
A.K. Benedict
Urban Fantasy Krimi
Knaur / Audible
01.06.2017
ungekürztes Hörbuch
400 / 11:40 Std.

Glauben Sie an Geister?

Nein? Dann geht es Ihnen wie Detective Inspector Jonathan Dark, der in London einen Frauenmörder jagt. Gerade erst hat das potentielle Opfer, die blinde Maria, bei einer ihrer "Schatzsuchen" im Schlamm der Themse einen menschlichen Finger gefunden. Darauf ein gelber Diamantring und eine Botschaft in Braille-Schrift: "Willst du mich heiraten, Maria?"
Wenn Jonathan Dark Maria retten will, muss er lernen, seiner Intuition zu vertrauen. Und den Seelen, die unsichtbar zwischen den Lebenden wandeln und ihre ganz eigenen Rachepläne hegen.

A.K. Benedict hat eine unwiderstehliche Mischung aus Krimi, Grusel und Urban Fantasy geschaffen - für alle, denen Ben Aaronovitch nicht unheimlich genug ist.

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