Der Fall Jane Eyre von Jasper Fforde

IMG_1230[Rezension] Japer Fforde Der Fall Jane Eyre oder „Surrealistisches Kultfrühstück für Brit-Fans“

Der Fall Jane Eyre ist der erste Band der Thursday Next-Reihe, die vor allem durch ihre farbenfrohen detaillierten Cover meine Aufmerksamkeit erregt hat. Inhalt sind die Abenteuer der Literaturagentin Thursday, die (wortwörtlich) als Agentin in Sachen Literatur agiert, aus großen Werken verschwundene Protagonisten und die Spur gestohlener Manuskripte verfolgt. Genremäßig tippe ich auf British Urban Fantasy, was gleichfalls mein Wunsch wäre.

Bereits zu Anfang hatte ich große Erwartungen, und nach den ersten Seiten eine ziemlich genaue Vorstellung, wie der Roman sich entwickeln wird. Die folgenden 350 Seiten tat Jasper Fforde dann alles, um jede meiner Vermutungen von der Wurzel bis ins feinste Geäst gnadenlos abzufackeln, bis ich fasziniert vor meinem eigenen geistigen Großbrand stand. Diese Art Buch ist Der Fall Jane Eyre für mich.

Der Fall Jane Eyre

London in einer alternativen Welt im Jahr 1985: Das Manuskript Martin Chuzzlewit von Charles Dickens wurde aus Gad´s Hill gestohlen, einem der bestgeschützten Gebäude Englands. Der mutmaßliche Täter ist schnell gefunden: Acheron Hades kennt Thursday als Professor aus ihrer Studienzeit. Da von ihm keine Bilder existieren, wird sie für diesen besonderen Fall zur SO-5 beordert, ein temporärer Karrieresprung. Sie soll den Schurken identifizieren und dingfest machen, was sich in der Praxis als Desaster herausstellt. Dieser entpuppt sich nämlich als besonders gerissen.

Acheron Hades entkommt. Thursday behauptet später, niemand geringeres als Edward Fairfax Rockester aus Charlotte Brontës Jane Eyre rettete ihr das Leben. Und damit ist er nicht der einzige Protagonist, der plötzlich ein Eigenleben entwickelt.

„Das wahre, grundlos Böse ist genauso selten wie das Gute per se – und wir wissen ja alle, wie selten das ist…“ -Acheron Hades, S. 36

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Thursday Next und ihr Universium der Dodos

Unsere Ego-Perspektive Thursday Next ist Literaturagentin bei den SpecOps und wohnt mit ihrem zahmen Dodo Pickwick, den sie aus einem DIY-Klon-Kit züchtete, in London. Bald jedoch reist sie mit dem Luftschiff in ihre alte Heimat Swindon, wo nichts mehr ist wie vor ihrem Einzug in den Krimkrieg. Ihr Vater ist ehemaliger Agent der ChronoGarde, ein Zeitreisender, der stets in den unmöglichsten Momenten auftaucht. Ihr Onkel Mycroft ein so verrückter wie genialer Erfinder.

Das Universum, in dem Thursday lebt, ist ziemlich verrückt. Dennoch vermittelt Jasper Fforde ein stimmiges und ernstes Gesamtbild der Welt: Thursday ist eine konsequente Powerfrau, die sich tough jeder noch so verrückten Herausforderung stellt. Sie wird von ernsthaften Konflikten getrieben: Im Krieg verlor sie ihren Bruder; ihre Beziehung zu Landon scheiterte. Sie ist Agentin durch und durch, risiko- und hilfsbereit und fast schon zu ernst für ihre Umgebung.

Die Welt, in der Thursday lebt, assoziierte ich am ehesten mit Surrealismus, im weitesten Sinne Steampunk, auch wenn das nicht genau trifft: Eine verrückte Welt voller Erfindungen, die sie magisch wirken lassen; düster und ernsthaft in ihrer Grundstimmung, mit gelegentlichen so guten (Situations-)Kalauern gespickt, dass ich laut lachen musste. Ungewöhnliche Menschengruppen verbergen durchtriebene klassische Schurken. Alles dreht sich um Bücher, und man muss Bücher und Sprache mögen, um Thursdays Universum zu lieben.

©WikimediaTechnische Magie

Die Magie in Thursdays Universum ist keine verspielte, sondern eine technische. Übernatürliche Wesen existieren, sind aber eher Menschen mit besonderen Fähigkeiten: Unverwundbarkeit; die Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen (ob magisch oder nicht) oder durch die Zeit zu wandeln. Es gibt keine Zaubersprüche oder -artefakte. Aber wie bekommt dann Acheron Hades die Manuskripte aus dem Panzerglas, ohne es zu berühren?

Klassische Schurken: Hades

Acheron Hades ist ein klassischer Bösewicht: Mit übernatürlichen Fähigkeiten, stets einen Trick parat, schurkt er sich durch die Welt; begeht Verbrechen der Verbrechen wegen. Fast philosophisch plant er die größten Coups, schart seine Gaunerbande um sich (einer abgezockter als der nächste). Kein Sammlerstück ist vor ihm sicher, er flüchtet durch dunkle Gassen. Ein klassischer Schurke, wie ich ihn lang nicht mehr gelesen habe.

Magie liegt in den Büchern

Alles dreht sich um Literatur, Protagonisten, Sprache. Es geht um englische Klassikliteratur, und ehrlich: Meine Kenntnisse auf dem Gebiet sind mittelmäßig. Gelesen habe ich die Bücher, um die es geht, nie. Dennoch verstand ich die meisten Sidekicks, versteckte Hinweise (in nahezu jedem Namen) und Analogien. Eine normale Allgemeinbildung reicht also völlig aus, zur Not hilft Wikipedia (einige hilfreiche Links unter der Rezi).

Die Basis der Handlung ist mit britischer Klassikliteratur nicht ganz meins, angesichts des Alters von „Der Fall Jane Eyre“ wären aber auch aktuelle Schmöker aus der Zeit des Schreibprozesses wieder passé: Jasper Ffordes Originalausgabe stammt aus dem Jahre 2001 nach vierzehn Jahren nebenberuflicher Schreibtätigkeit!

Alter Bacon + brotlose Kunst = Kultfrühstück

Wieso also sollte ich diesen alten Schinken lesen?, denkt ihr. Regel Nr.1: Ein gutes Buch bleibt ein gutes Buch.
Interessant ist aber folgendes: Die Reihe ist noch immer nicht abgeschlossen. Sechs Bücher erschienen (bis 2012) auf Deutsch, eins bisher nur auf Englisch. Der Arbeitstitel des achten Bandes ist „Dark Reading Matter“; und nichts genaues weiß man. (Ich habe gelesen, dass die Bände 1-4 in sich abgeschlossen sind.) Es handelt sich also um eine britische Reihe, an der Jasper Fforde seit gut 30 Jahren schreibt. In England ist sie längst Kult.

Das liegt nicht zuletzt an dem grenzenlosen Universum, was die Basis für jeden irrwitzigen Dialog, jeden klugen Schachzug und jede gewitzte Verrücktheit bildet. Vor allem ist es aber geistreich und anspruchsvoll geschrieben, mit viel Liebe zum Detail, wie der dtv das in seiner Taschenbuchausgabe von 2011 beherzigte:

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Dtv-Taschenbuch von 2011

Neben dem Spotlack-Scherenschnitt eines Charakters pro Band befindet sich im Hintergrund die Prägung weiterer Motive bzw. bei Der Fall Jane Eyre des britischen Covers, zweifarbig. Der Scherenschnitt ist auch auf dem Buchrücken mit Spotlack versehen. Kurz: Die Reihe macht sich neben der fünfteiligen Anhalter-Trilogie und Aaronovitchs Flüssen von London richtig gut im Regal!

Außerdem gefällt mir das Schriftbild sehr, die Einleitung jedes Kapitels mit Zitaten und Kurzeindrücken aus dem Universum der Literaturagenten, ähnlich einer nacherzählten Geschichte oder einem Interview. Mein Leserherz schlägt höher, wenn ich Bücher sehe, in denen so viel Herzblut in jedem Detail steckt.

Das Fazit: Inhalt ist Trumpf!

Unterm Strich liest sich Der Fall Jane Eyre nicht so professionell wie Die Flüsse von London von Aaronovitch, oder ähnliche Titel, deren Autoren seit vielen Jahren Drehbücher und Romane verfassen. Es liest sich wie ein wilder Indie-Titel: Grenzenlos kreativ, detailverliebt mit unberechenbaren Twists. Die hohe Sterblichkeit guter Figuren, die allesamt das Zeug dazu hätten, Thursday auch längere Zeit zu begleiten, zeugt von echter Qualität.

Denn das ist das Buch: Guter verrückter, aber geistreicher Stoff für Fans britischen Wahnsinns und schrägen Humors. Für mich waren alle Ecken und Kanten genau richtig dosiert: Die häufigen Erinnerungen an die Geschehnisse des Krimkriegs bremsten den Plot ziemlich aus, lassen auf eine weiterhin vielschichtige Story hoffen.

Für mich zählt am Ende, dass man nicht bekommt, was man erwartet, sondern mehr: Ein Abenteuer voller WTF?!-Momente, was im Kopf bleibt. Eine Reise in ein neues Universum, in das ich Fernweh habe.

Stern4


„Vermutlich hatte [der Hund] instinktiv gespürt, dass das kleine Mädchen, das da plötzlich auf Seite 81 auftauchte, nicht an die strenge Erzählstruktur gebunden war. Er wusste, dass er die Grenzen hier und da ein klein wenig ausweiten und sich zum Beispiel aussuchen konnte, auf welcher Seite des Weges er schnüffeln wollte; wenn jedoch im Text stand, dass er bellen, umherrennen oder aufspringen sollte, musste er sich wohl oder übel danach richten. Er war zu einem langen, sich endlich wiederholenden Dasein verurteilt, was die seltenen Auftritte von Menschen wie mir umso erfreulicher machte.“ S. 74


Hilfreiche Links: Nicht nötig, aber ergänzend.IMG_1147

Martin Chuzzlewit Wiki
Jane Eyre Wiki (Tipp: wurde auch verfilmt)
Shakespeare oder Bacon? Wiki

Charlotte Brontë: ALT+U, dann E drücken = ë


[Übersicht] Jasper Fforde: Thursday Next

1. Der Fall Jane Eyre
2. In einem anderen Buch
3. Im Brunnen der Manuskripte
4. Es ist was faul
5. Irgendwo ganz anders
6. Wo ist Thursday Next?
7. The Woman who died a lot (nur Englisch)
8. Dark Reading Matter (noch nicht erschienen)

(Amazon Reflinks über Cover)

Der Fall Jane Eyre Book Cover Der Fall Jane Eyre
Thursday Next
Jasper Fforde
Surreal Fantasy ?
dtv
01.05.2011
Detailverliebtes Taschenbuch
384

*zensiert, weil spoilert*

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