Faszination Indie – Anybody Out There?

[Gedankengut] Faszination Indie – Anybody Out There?

Dass der Indie-Markt weltweit boomt, zeigt aktuell auch die weltweit wichtigste Spielemesse: Die E3 in Los Angeles. Neben den AAA-Titeln nehmen die Indies bei allen großen Plattformen: Sony, Xbox, PC und sogar Nintendo mittlerweile einen bedeutenden Teil in den Pressekonferenzen ein. Aktuellstes Beispiel ist wohl das Jump´n´Run „Ori and the Blind Forest“ der österreichischen Indies von „Moon Studios“, welche in der letzten Woche auf der PK ihres Publishers Microsoft eine Fortsetzung ankündigten. Trotz VR-, 4K- und HDR-fähiger Konsolen mit Grafikfeuerwerk – für viele darf es auch weit simpler sein: Denn Passion und Story > Grafik, finde nicht nur ich. Doch welchen Weg müssen die „Indie“-Spieleentwickler gehen, um nach Monaten in der hauseigenen Spieleschmiede endlich Anerkennung für die harte Arbeit einzufahren?

Experimentell und mutig. Kurz: Indie.

Ende letzten Jahres hatte ich für Euch das Textadventure METANOIA auf Herz und Nieren getestet. Entwickelt wurde die Smartphone-App von Everbyte, einem Indie-Studio aus Furtwangen im Schwarzwald. Das junge 3-Mann/Frau-Startup bekommt nun tatkräftige Unterstützung eines großen deutschen Publishers. Headup Games, bekannt durch Titel wie Terraria, Limbo oder The Inner World, hat sich des Projekts angenommen. Damit hat Everbyte den ersten Schritt aus der Unabhängigkeit jetzt getan. Aber von Anfang:


Anybody Out There: Worum geht´s?

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Unter dem Titel Anybody Out There: Dead City erscheint Metanoia sechs Monate nach Erstveröffentlichung nun in neuem Gewand. Denn darum geht es im Echtzeit-Textadventure der Indies: In einer zerstörten Stadt ist Sam gestrandet. Die Menschen um sie herum haben sich verändert. Sie greifen jeden an, der sich ihnen nähert. Auf dem Boden ihrer Zuflucht findet Sam ein blutverschmiertes Handy und wählt die erste Nummer, die sie finden kann. Sam braucht deine Hilfe, denn sie weiß partout nicht, wie die diese Hölle allein überleben kann.

Hier kommst Du ins Spiel und stehst Sam mit Rat und Tat zur Seite. Anybody Out There: Dead City erstreckt sich über ein großes Areal im Wasteland-Stil mit viel Handlungsfreiheit, einigen verrückten Zufallsbegegnungen und fesselnder Story. An jeder Ecke gibt es etwas zu erleben und entdecken. Ein Spiel für Neugierige und Abenteuerlustige, für Gamer und Leser.

[Zum Spieletest: Anybody Out There – Dead City]


Unter den Fittichen des Publishers

Anfang 2016 gründeten die drei Master-Studenten ihr Indie-Entwicklerstudio im Schwarzwald. Das erste Spiel folgte bald: Sinister Edge ist ein 3D-Horror-Adventure mit VR-Unterstützung. Auf die Grafikbombe folgte Metanoia: Ein klassisches Textadventure im modernen Gewand. Doch der erhoffte Durchbruch blieb aus, bis die Jungs von Headup Games auf die Indies aufmerksam wurden.

„Das Schöne und das Biest“ – Kunst vs. Profit – so beschreiben böse Zungen die Zusammenarbeit zwischen Entwicklerneuling und Großverlag. Denn der Erfahrungsvorteil großer Firmen wird oft zur Falle. Headup geht einen anderen Weg. Denn der 2009 gegründete Publisher Headup Games mit Sitz in Düren hat es sich zum Ziel gesetzt, verkannten Spielen die helfende Hand zu reichen. Und so steht hier nicht der Profit im Vordergrund, sondern der Erfahrungsaustausch und die Entdeckung neuer Talente. Dass dies Chancen auf Erfolg hat, zeigen Spiel-Kooperationen wie das Point´n´Click-Adventure „The Inner World“ von Studio Fizbin, welches 2014 mit Hilfe Headups als „Bestes deutsches Spiel“ mit dem Computerspielpreis ausgezeichnet wurde. Aber wie läuft das ab – so eine Kooperation zwischen groß und klein?

[Zur Spieleübersicht: Headup Games]


Fragen an Jan Ewald von Everbyte Studios

Zum neuen Release von Anybody Out There: Dead City habe ich Jan Ewald ein paar Fragen gestellt, die er (*Spoiler!*) geduldig beantwortete.

Team Everbyte: Jan, Vanessa & Kevin

Plötzlich nicht mehr ganz so „independent“: Wie fühlt es sich das an, plötzlich mit dem Publisher von Terraria, Inner World, Limbo und Binding of Isaac zusammenarbeiten?

Für uns ist es eine tolle Erfahrung mit Professionals einer Industrie zusammenzuarbeiten, in der wir selbst ja noch sehr frisch sind. Für uns ist das alles sehr spannend und wir können aus der Zusammenarbeit viel mitnehmen.

Wie kam es zu der Kooperation mit Headup? Bewirbt man sich für sowas oder spielt hier der Zufall eine Rolle? 

In der Regel stellt man sein Projekt vor und der Publisher entscheidet, ob er eine Zusammenarbeit für sinnvoll hält. In unserem Fall war das ganze  jedoch etwas anders und der Zufall hat tatsächlich eine Rolle gespielt. Wir haben mit Thomas von Innogames geskyped, der uns im Rahmen der Mentoren Challenge* [Video: Kurz erklärt?] mit seiner langjährigen Expertise ein bisschen bei der Strukturierung unserer kleinen Spieleschmiede geholfen hat. Am Ende des Telefonats meinte Thomas, er würde noch eine Mail an einen Kumpel schicken, den unser Zombie Adventure Metanoia eventuell interessieren könnte. Dieser Kumpel war Dieter Schöller von Headup und glücklicherweise lag Thomas mit seiner Einschätzung richtig. Kurz darauf hatten wir die erste Skype Konferenz mit unserem zukünftigen Publisher.

[*Anm.: In der Mentoren Challenge haben sich Profis namhafter Entwickler und Publisher dazu bereit erklärt, jungen Startups mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Sie sind Ansprechpartner und ein wichtiger Kontakt in die Gamingbranche. Das Projekt wurde ins Leben gerufen, nachdem Stephan Reichart zum Support junger Talente in einem Video aufrief. Das Video habe ich unter den Beitrag gepinnt.]

Anybody Out There ist ja quasi Metanoia 2.0. Welche Änderung hat es gegeben und sind weitere geplant?

Es gab zwei Dinge, die wir zusammen mit Headup überarbeitet haben und zwar den Titel und das Keyvisual.

Vorher: Metanoia, Nachher: Anybody Out There?

METANOIA war ein toller Name, aber hat keinen Rückschluss auf den Inhalt zugelassen, was zugegebenermaßen nicht sehr klug war und sich hinderlich auf den Vertrieb ausgewirkt hat. Mit Anybody Out There: Dead City haben wir ein schönes Branding inklusive einem passenden Episodennamen gefunden.

„Episodennamen“ … Heißt das, es könnte weitere Episoden von Anybody Out There geben?

Aktuell sind wir voll ausgelastet mit unserem neuen (extrem spannenden, absolut innovativem und daher leider noch streng geheimen) Projekt.
Sobald wir aber ein bisschen Luft haben, würden wir gerne einen zweiten Teil entwickeln. Wir haben viel Feedback und tolle Vorschläge von Fans erhalten. Natürlich brennen wir darauf, diese umzusetzen.

Und hinter den Kulissen: Wie läuft die Zusammenarbeit so – was habt Ihr Euch von den „Profis“ abschauen können?

Im Netz gehen die Meinungen über die Zusammenarbeit mit Publisher ja stark auseinander. Wir haben jedoch durchwegs positive Erfahrungen gemacht. Die Jungs von Headup sind super freundlich und treffen keine (relevanten) Entscheidungen über unseren Kopf hinweg und lassen uns, sofern das thematisch Sinn macht, stets das letzte Wort. Das finden wir sehr nobel und respektvoll uns gegenüber. Abzuschauen gibt es natürlich einiges, besonders was die Kommunikation mit der Presse, Werbung oder abstecken von Prioritäten angeht. Während wir damals mit METANOIA auf iOS nur einen geringen Erfolg hatten, hat es das selbe Spiel unter Headups Führung und Flagge in die Top 10 geschafft – das spricht für sich.

Nun befasst sich mein Blog mit Storygames und Büchern. Und grad zur E3 liegt die Frage nahe: Was lest/spielt Ihr denn privat?

Wenn ich jemand ein Buch empfehle, dann ist das meistens „Der Schwarm“ von Frank Schätzing.  Für etwas kuriosere Unterhaltung wären es vermutlich die Scheibenwelt Romane von Terry Pratchett. Vanessa steht total auf Stephen King und hat auf meine weiteren Nachbohrungen nach konkreten Werken „Alles!“ geantwortet.
Auf unseren Rechnern befinden sich beispielsweise Titel wie Ark, World of Warcraft und Counter-Strike um mal die großen Dauerbrenner zu nennen. Begeistern kann man uns darüber hinaus mit Point and Clicks und eigentlich allem was eine interessante Spielmechanik und/oder eine gute Story bietet.

Was könnt Ihr über Euer aktuelles Projekt erzählen?

Wir haben da zusammen mit unserem Kooperationspartner EnterTrain ein völlig neuartiges Spielerlebnis geschaffen. Aufgrund seiner Eigenart werden wir damit sogar auf der Frankfurter Buchmesse sein und dort die Lanze für Spiele brechen. Mehr kann ich aktuell leider noch nicht sagen 🙂


Vielen Dank für Antwort und Geduld. Nach dem Interview bin ich doppelt gespannt auf das neue Spiel, welches sich definitiv weit von der Konkurrenz Lifeline entfernen und sogar ein neues Genre anstreben soll.


Apropos Lifeline – Ähnlichkeiten dazu gibt es auch hier: So startete das 2014 in Seattle gegründete Startup „3 Minute Games“ mit der Entwicklung des Textadventures Lifeline, welches in der Obhut des großen Mobile-Game-Publishers Big Fish Games schließlich als Serie durchstartete. Die Jungs von 3 Minute Games arbeiten seitdem aus der Zentrale der Big Fish Games in Oakland. Der Vorteil für Lifeline: Durch Zugriff auf die Übersetzer des Publishers sind alle Spiele mittlerweile in vielen verschiedenen Ländern erschienen. Everbyte war dem voraus: Anybody Out There erschien bereits in der ersten Fassung zweisprachig auf Deutsch und Englisch.

[Zur Lifeline-Reihenübersicht]


Bist DU Indie? 

Faszination Indie – die kennt ihr bestimmt! – Schließlich lest ihr gerade meinen kleinen unprofessionellen Blog statt einer Zeitschrift oder den Thalia-Newsfeed. Das bedeutet: Ihr sucht Input jenseits des Mainstreams, ihr sucht frische Ideen, viel Passion, Content nach DIY-Art und ungefilterte kreative Inhalte nach dem Try-and-Error-Prinzip. Mal was anderes, mal was neues. Wahrscheinlich seid ihr der Indie-Typ, der mit dem zwanzigsten Aufguss eines großen Franchise nicht viel anfangen kann. Dann seid ihr hier und bei Anybody Out There: Dead City genau richtig! Schaut doch mal rein.

Anybody Out There: Dead City bietet eine fesselnde Story mit einer satten Spielzeit von 2x 4-5 Tagen in Echtzeit, wenn ihr alle Wendungen und Enden erkunden wollt. Das Spiel kostet jetzt 0,99€ im App-/Playstore.

Weitere Infos zu Entwickler, Publisher und Game stelle ich Euch hier zusammen:

[Mehr Infos auf Everbytes Website]
[Mehr Infos zu Headup Games]
[Hier nochmals zum App-Test – AOT:DC]


Interessant: Ein Weckruf zur Spieleentwicklung in Deutschland von Stephan Reichart.

Ein Appell: Groß meets Klein – Warum es wichtig ist, deutsche Indies zu fördern uvm.

PS: Wissen eure Freunde das schon? Denn das ist der beste Support: Teilt, was euch gefällt. Unterstützt Indies, gebt Feedback. Aber vor allem: Erzählt allen davon, was Indie in Deutschland und weltweit kann.

5 Gedanken zu “Faszination Indie – Anybody Out There?

  1. Sehr schöner Artikel! Wenn ihr mich jetzt noch von einem Reichelt in Reichart verwandelt, dann ist alles super ;-D Reichelt heißt hier nämlich ein EDEKA Laden – nachher hält mich noch jemand für nen Wursthändler?!
    Finde es toll, dass ihr eure Learnings direkt an andere weitergebt… Drücke euch weiterhin die Daumen!

    LGS

    • upsa – da hatte ich wohl nen Bug im Text. =) Wursthändler-Karriere beendet. Danke fürs Feedback und Respekt für dieses tolle Projekt! Vielleicht setzt es sich das Prinzip ja irgendwann auch in der Literatur durch. (Mich würds freuen.) Kreative Köpfe können nie genug Input bekommen.

      LG

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