Wächter des Tages von Sergej Lukianenko

IMG_0942[Rezension] Sergej Lukianenko Wächter des Tages (Wächter-Zyklus 2) oder „Der ewige Krieg um die Freiheit; fast live aus Russland“

Wächter des Tages ist der zweite Roman des Wächter-Zyklus von Sergej Lukianenko, einer Urban Fantasy Krimi-Reihe im Noir-Stil. In Moskau, wie im Rest der Welt, gibt es sogenannte „Andere“, Wesen mit magischen Fähigkeiten und Zutritt zur Zwielichtwelt. Tagsüber leben sie als Menschen unter uns, doch nachts…

Wenn ihr den ersten Band noch nicht kennt, geht´s für euch hierlang: Die Wächter der Nacht


Der vorliegende Text ist der Sache des Lichts dienlich und zur Verbreitung zugelassen.
Die Nachtwache
Der vorliegende Text ist der Sache des Dunkels dienlich und zur Verbreitung zugelassen.
Die Tagwache


Aus der Sicht der Tagwache

Alissa ist dunkle Hexe im Dienste der Tagwache und Geliebte Sebulons, ihres Chefs. Als Gegenspielerin Antons lernten wir sie bereits in Wächter der Nacht kennen; nun blicken wir durch ihre Augen auf die Tagwache.

Nach ihren Eskapaden mit dem Kraftprisma ist Alissa bei Sebulon in Ungnade gefallen; seitdem ignoriert er sie. Als sie sich während eines Kampfes gegen die Nachtwache verausgabt, gibt er ihr jedoch eine zweite Chance: Um ihre Kräfte zu regenerieren, wird sie als Pionierleiterin auf der Krim arbeiten. Inmitten aller kindlischen und jugendlichen Emotionen soll sie ihre Kraft wiederfinden. Wer hätte gedacht, dass sie Igor dabei findet?

Ein Anderer, ein einsamer Reisender mit mysteriös viel Geld, auf dem Weg nach Moskau: Was er dort tun soll, weiß er nicht. Er folgt einer Eingebung, einem unbekannten Ruf. Seine weiteste Erinnerung reicht bis gestern Nacht. Andere erkennen ihn nicht als ihresgleichen. Was mag ihn in Moskau erwarten?

In Finnland gibt es eine Sekte, die Regin-Brüder. Sie agieren europa-, wenn nicht sogar weltweit. Aus aller Welt holen sie auch „andere“ Kinder zu sich und bilden sie zu dunklen Magiern aus. In Prag stehen sie vor dem Tribunal der Inquisition, doch sie reisen nicht allein an.

Etwas Dunkel ins Licht gebracht…

„Trau einem Menschen zur Hälfte, einem Lichten zu einem Viertel und einem Dunklen überhaupt nicht.“ S. 317

Die Gegenseite: In dieser düsteren schwarz-weiß gezeichneten Welt gibt es so viele Graustufen! Alissa ist der festen Überzeugung, für die Freiheit kämpfen müssen, die durch die Lichten eingeschränkt wird. Das Gesetz des Stärkeren ist für sie das Gesetz des Lebens. Und so ist Alissa tough, wie alle ihre Kollegen, und stets auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Doch kann das im Team gutgehen?

Zugegeben, vom Recht des Stärkeren haben die Dunklen eine seltsam anmutende Auffassung, unter deren Voraussetzungen ihre Handlungen aber stets nachvollziehbar sind: Moral ist eine Illusion und entsteht aus Angst vor Konsequenzen, ist Alissas Meinung und Prämisse. Und so strotzt Alissas Perspektive von Instinkten und Trieben. Dass das Ziel ihrer Erholungsreise nun gerade das Pionierlager auf der Krim ist, wo sie als Erzieherin die Leitung einer Schar junger Mädels übernimmt, birgt absolut viel Konfliktpotenzial.

„Einsamkeit, Ruhelosigkeit, Verachtung und Mitleid seitens der Umwelt sind unangenehme Gefühle. Aber sie sind es, aus denen echte Dunkle hervorgehen. Menschen oder Andere, die das Siegel der Würde tragen, die voller Stolz und Freiheitsdrang sind.“ S. 103/104

Was mir gut gefällt: Alissa ist das krasse Gegenteil zu Swetlana aus dem ersten Band, die bei mir einen wirklich schlechten Start in die Reihe hatte. Toughes vs schwaches Frauenbild.

„Was für eine tüchtige Geschäftsfrau du doch bist“, sagte Darja ironisch. „Wer soll denn so eine scharf kalkulierende und schlaue Frau lieben? Ein Weib muss immer auch dumm sein…“ S.15

Nicht Gut, nicht Böse, nicht Nichts: Die Inquisition

Die Inquisition sind die Hüter des Großen Vertrages zwischen den Lichten und den Dunklen; nicht mehr und nicht weniger. Die Schuldfrage stellt sich ihnen nicht, es geht ausschließlich darum zu prüfen, ob der Große Vertrag verletzt wurde oder nicht. Und auch hier schließt sich der Kreis: Maxim ist Inquisitor; wie er dazu geworden ist, steht in Band 1.

Ein Buch über Freiheit aus Russland

„Tschechisches Bier in Flaschen, das ist die Leiche echten Biers in einem gläsernen Sarg.“ S. 423

Auch Wächter des Tages ist in drei Geschichten rund um die Nacht- und Tagwachen eingeteilt (denn das eine kann ohne das andere nicht sein). Die wechselnde Ich-Perspektive von Buch zu Buch legt den Fokus auf das Universum, ohnehin mein Highlight, da meiner Meinung nach keine Figur mehr Aufmerksamkeit verdient hat als die nächste: Sie alle sind auf ihre Weise special. Und viele Charaktere sind wiederkehrend, flechten ihre Erfahrungen in der Welt des Zwielichts mit ein, in diesen undurchsichtlich verstrickten Plot, bei dem stets der schwarze Hund durchs Fenster oder der blutrünstige Vampir aus einer düsteren Nische treten kann.

Mit Einflüssen aus Sagen wie dem Nibelungenlied, Literatur wie Lovecrafts Necronimicon und Religion ist der Roman durchaus anspruchsvoll; da der Roman kurz vor dem Milleniumswechsel 2000 spielt, wird die Angst vor Apokalypse der Menschen christlich aufgearbeitet. Der ewige Twist im Twist macht die Story wunderbar rund, die mysteriöse Atmo durchweg spannend. Für mich ist es – mit winzigen Makeln, die üblichen kleinen Formulierungen, ein paar verschobene Proportionen – ein nahezu perfekter Urban Fantasy -Krimi. Eigentlich punktgenau 4,49 Sterne, aber die gibts hier nicht.

Stern4


 

„Ach, ihr Menschen… Die Lichten sorgen sich um euch, verteidigen euch, passen auf euch auf, aber ihr wart schon immer Vieh und werdet es auch immer sein. Tiere ohne Gewissen und Mitgefühl. Ihr setzt Ellenbogen ein, stehlt, verratet, schlingt euch die Plauze voll, und wo ihr lang kommt, wächst kein Gras mehr. Wie ekelhaft…“ S. 335; Witali

Vs.

„Nein, mein Junge. Da irrst du dich. Wir arbeiten mit den Menschen. Und die Menschen, das ist keine Herde geklonter Schafe, die synchron Gras kauen und alle gleichzeitig pupsen. Jeder Mensch ist ein Individuum. Darüber sind wir sehr froh, denn es macht den Dunklen die Arbeit schwerer. Darüber sind wir aber auch betrübt, denn es macht auch uns die Arbeit schwerer.“ S. 371; Geser


[Übersicht] Lukianenko, Sergej: Der Wächter-Zyklus (abgeschlossen)

1. Wächter der Nacht
2. Wächter des Tages
3. Wächter des Zwielichts
4. Wächter der Ewigkeit
5. Wächter des Morgen
6. Die letzten Wächter

Lukianenko, Sergej: Die neuen Wächter (laufend) 

Wächter des Tages Book Cover Wächter des Tages
Wächter-Zyklus 2 von 6
Sergej Lukianenko
Urban Fantasy Krimi
Heyne
06.03.2006
Taschenbuch
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