Gute Gründe, Lovecraft zu lesen

H.P. Lovecraft
©wikimedia.org

Gute Gründe, heute noch Lovecraft zu lesen

Im Rahmen meiner Schocktober-Aktion habe ich einige Romane herausgekramt, die in die düstere Jahreszeit vor Halloween passen. Dabei war mir sofort klar: Grusel und Horror erfordert mindestens ein Buch rund um Lovecraft! Da ich kein Fan davon bin, dieselben Bücher wieder und wieder zu lesen, fiel meine Wahl auf Innswich Horror von Edward Lee.

Aber damit nicht genug. Auch Lovecraft persönlich soll seinen Artikel in meinem Schocktober bekommen. Denn er begleitet mich schon seit über 15 Jahren durch meine literarischen Reisen. Auf Lovecraft aufmerksam wurde ich um 2000 durch die Magier-Trilogie von Wolfgang Hohlbein, den ich damals rauf und runter las. Von den Großen Alten war dort die Rede, von alten Göttern und dem Necronomicon. Damals war das Neuland: Literatur in Literatur in Literatur – zumindest für mich als Teen. Und so recherchierte ich und hatte Glück. Die Bibliothek meiner Heimatstadt hatte tatsächlich alle Werke von Lovecraft, in ollem Suhrkamp-Gewand. Im Nachhinein war das gut investierte Zeit für mich. Womit wir beim Thema sind.

[Wer war Lovecraft? Hier geht´s zum Wikipedia-Eintrag!]

Gute Gründe, warum ihr auch heute noch Lovecrafts Werke lesen solltet.

1. Wahnsinnsbücher

Heutzutage gibt es sowas kaum noch. Das Grauen, das sich über viele Seiten erstreckt und eine wohlige Gänsehaut hinterlässt. Tiefhängende und schwertragende Nebelschwaden, die das Ungewisse mit sich bringen. Und den Wahnsinn, der sich durch Mark und Bein zieht. Der einen Charakter ganz für sich einnimmt und verschluckt.

Wahnsinnige, die nicht gleich zu Axt, Messer oder Kettensäge greifen und (detailliert beschrieben) Kinder fressen und zerstückeln – so etwas ist in der heutigen Literatur selten geworden. Schocker statt Grauen, darauf setzt man heut. Der Verlust des Verstandes bewirkt heutzutage Grausamkeit statt Zweifel. Ich finde das sehr schade. Mehr Gewalt, mehr Blut, mehr Ekel, fordert die Gesellschaft. Darum schaue ich kaum TV.

2. Das Prinzip: Literatur-ception

Mit seinen Kurzgeschichten hat Lovecraft (neben Edgar Allen Poe und E.T.A. Hoffmann) Meilensteine der Horrorliteratur geschrieben. Wirklich außergewöhnlich ist aber das, worauf seine Literatur basiert. Denn das Necronomicon des verrückten Arabers Abdul Alhazred, stammt ebenfalls aus der Feder Lovecrafts. Das Necronomicon erzählt die Geschichte der Großen Alten (Götter) unter Cthulhu in einer Art „Bibel- und Gebetsbuchform“.

Mit dem Necronomicon begründete Lovecraft selbst den Cthulhu-Mythos, auf dem seine anderen Werke basierten. Und auf seinen Werken basieren noch heute zahlreiche weitere Romane und Geschichten berühmter Autoren. Immer, wenn es düster und „satanisch“ wird, zieht irgendwer die Großen Alten aus dem Karton. Denn sie sind (tatsächlich) zeitlos.

3. Referenzen: Lovecraft in Literatur

So findet man Andeutungen rund um den Cthulhu-Mythos heutzutage in unzähligen Spielen, Filmen und Romanen. Die wohl bekanntesten und aktuellsten Games greifen ihn auf. Ebenso wie die Bestsellerautoren weltweit.

Nicht nur Wolfgang Hohlbeins junger Magier Robert Craven fürchtet die Rückkehr der Großen Alten. Auch im Wächter des Tages blättert Edgar durchs Necronomicon. Neil Gaimans Story „I, Cthulhu“ ist auf seiner Homepage zu finden. Laut Wikipedia finden sich auf in Stephen Kings „In der kleinen Stadt“, Andrzej Sapkowskis „Narrentum-Trilogie“ (Autor v. The Witcher-Bücher) und sogar in den Simpsons (sry, keine Literatur) Anspielungen auf Lovecraft.

Dazu gibt es immer wieder Neuerscheinungen. Dazu zählen das oben bereits erwähnte Innswich Horror von Edward Lee. Oder Carter & Lovecraft von Jonathan L. Howard aus dem Cross Cult Verlag. Dabei outen sich beide Romane ganz klar als Lovecraft-Fanfiction.

3,5. Referenz in Games

In der „Whispers of the Old Gods“-Erweitung rund um den gefürchteten Kanonenknaller C´Thun (C´thun, C´Thuuuun <3) des Online-Kartenspiels Hearthstone: Heroes of Warcraft, wimmelt es nur so von tentakelbehangenen Gestalten. C´Thun und seine best Buddys Yogg-Saron und N´Zoth klingen verdächtig nach Cthulhu, Yogg-Sothoth und Azathoth. Die Erweiterung erschien im April 2016 und machte den Cthulhu-Mythos bei über 50 Millionen Spielern weltweit bekannt!

Wer sich in Fallout 4 ausgiebig den Nebenquests widmet, dem wird Pickmans Gallery nicht entgangen sein. Sie basiert auf Lovecrafts Geschichte „Pickmans Modell“. Überhaupt spielt Fallout 4 in der Region, die auch für Lovecraft von höchster Relevanz war. Von Boston aus geht´s bis nach Salem, bei Lovecraft als Arkham bekannt, vorbei am Kingsport-Leuchtturm. Alles hier schreit nach Lovecraft. Denn Neuengland + gruseliger Nebel + ein allgegenwärtiger Wahnsinn, das ist Lovecraft für mich.

4. Ein Universum – unzählige Möglichkeiten

Wer einmal den Schritt ins Lovecraft-Universum gewagt hat, der findet sich plötzlich in einer Welt voller Möglichkeiten wieder. Denn welcher Literaturfan träumt nicht davon, schier endlose Geschichten aus der Welt seines liebsten Autoren zu hören?

Diese Möglichkeiten gibt es für Fans Lovecrafts. Denn seine Geschichten erleben unzählige Rollenspieler wöchentlich neu. Grund dafür sind die unzähligen Spielumsetzungen, die es rund um den Cthulhu-Mythos gibt. Vom Brettspiel Arkham Horror mit allen Erweiterungen (und den vielen vereinfachten Versionen), über das Pen-and-Paper-Grundregelwerk bis hin zur Luxus-Edition in Ledertasche für schlappe 300 Euro. (Ich bin so neidisch.)

Von 2-8 Spieler ist für jeden etwas dabei, der sich in der Welt Lovecrafts mal umschauen möchte. Absolut zeitgemäß, mit einem Freund oder an der Seite von vielen (meist sehr netten und informationgeladenen) Brettspiel-Nerds.

5. Nicht nur „weltweit bekannt“

Seit dem 14. Juli 2015 gibt es auf dem Zwergplanet Pluto eine Cthulhu-Region. Bei der provisorischen Vergabe eines Namens startete das New Horizon Team Anfang 2015 eine Online-Umfrage. Gesucht wurde ein Name „einer Kreatur mit Bezug zur Unterwelt-Mythologie“. Cthulhu hatte die meisten Stimmen. Aufgrund der positiven Reaktionen auf den Social Media-Plattformen wird derzeitig überlegt, den Namen auch offiziell beizubehalten. Wie cool ist das denn? (Quelle: Wiki)

6. Gemeinfrei 

Kein Grund, Lovecraft zu lesen. Dennoch wissenswert.

Alle Werke H.P. Lovecrafts sind seit 2008 gemeinfrei. Denn 70 Jahre nach Tod des Autors stehen die Romane jedem zur Verfügung, der sie nutzen möchte. Eine Urheberrechtsverletzung ist damit vom Tisch. Das Urheberrecht gilt natürlich bei Kooperationen für alle Autoren, in den deutschen Versionen also auch für die Übersetzer. Gemeinfrei sind also nur die englischen Versionen, die ihr legal hier bekommt: Wikisource. (Weiteres müsste geprüft werden.) Das ist aber kein Problem: Mittlerweile gibt es viele Lovecraft-Stories auch kostenlos bei Readfy (Was ist Readfy?) oder zu dutzenden in Sammlungen für wenig Knete. Mit Sicherheit ist für jeden etwas dabei, von Casual bis Pro.

Hier einige Links aus dem Sammleruniversum:


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(Wenn die mal nicht schick im Regal aussehn!)


Nun hoffe ich, dass ich euch wirklich gute Gründe liefern konnte, euch an Lovecrafts Werke heranzutrauen. Keine Angst vorm alten Mann: Alle Geschichten sind recht kurz, dafür etwas anspruchsvoller zu lesen. Die dunkle Jahreszeit ist wie geschaffen dafür. Nebel, Regen, Dunkelheit. Die passende Stimmung für jedes Lovecraft- und lovecraftähnliche Werk.

Wenn ihr Hinweise auf den Cthulhu-Mythos in irgendeinem aktuellen Buch, Game oder Film findet, dann lasst es mich wissen! Dann aktualisiere ich den Beitrag. Denn Lovecrafts Werke sind auch 79 Jahre nach seinem Tod noch aktuell. Das sollen aktuelle Autoren erstmal nachmachen!


„Die älteste und stärkste Emotion des Menschen ist Furcht, und die älteste und stärkste Form der Furcht ist die Angst vor dem Unbekannten. Diese Tatsachen wird kaum ein Psychologe bestreiten, und sie begründen ein für allemal Echtheit und Rang der übernatürlichen Horrorgeschichte als literarische Form.“

– H. P. Lovecraft: Supernatural Horror in Literature, S. 12

2 Gedanken zu “Gute Gründe, Lovecraft zu lesen

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