Ann Leckie Die Mission (Die Maschinen 2)

IMG_0939[Rezension] Ann Leckie : Die Mission (Maschinen 2) oder „Nachdenken über Gerechtigkeit“

Obwohl Die Maschinen von mir nur 2 Sterne bekam, habe ich beschlossen, mich an Die Mission zu wagen.
Das hat folgende Gründe: Zum einen habe ich in meiner Rezension hauptsächlich die erste Hälfte des Buches kritisiert, die sich kaum flüssig las; im Laufe des Buches jedoch zeigte sich eine fantastische weitere Seite des Buches: Die Schilderung der fremdplanetarischen Kultur mit allen Facetten, die mich begeisterten. Ich hoffe, dass Die Mission nahtlos daran anknüpft.
Zum anderen habe ich häufig über Die Maschinen nachgedacht; es hat sich fest in meinem Kopf verankert und ist eins der außergewöhnlichsten Bücher, das ich je gelesen habe. Dieses Mal weiß ich also, was mich erwartet. Das Abenteuer kann beginnen!

Wer nicht genau weiß, was ihn erwartet:
Da Die Mission nahtlos an Die Maschinen anschließt, solltet ihr Band 1 zuvor gelesen haben, bevor ihr Band 2 oder auch diese Rezi lest. Leider verrät der Klappentext schon das Ende von 1.
Ann Leckies „Die Maschinen“ ist ein literarischer Mount Everest mit Scifi-Panorama.


Breqs neuer Auftrag

Früher war Breq die Gerechtigkeit der Torren. Als mächtige Kriegsschiffs-KI kontrollierte sie zahlreiche Leichensoldaten, die ihr als Wache, Späher und Armee dienten. Kriegsschiffe ihrer Art galten als unbesiegbar, bis die Gerechtigkeit der Torren zerstört wurde. Im Körper einer Leichensoldatin entkam die alte Schiffs-KI und lebt seitdem als Breq. Ihr Geheimnis kennen wenige; aufgrund ihrer Verbundenheit mit Anaander Mianaais, der Herrscherin der Radchaai, wird ihr ein neuer Auftrag und Rang zugeteilt.

Das Imperium der Radchaai zerfällt unter der Herrschaft Anaander Mianaais. Die Herrscherin ist in tausende Körper gespalten, und rebelliert gegen sich selbst. Ein Bürgerkrieg zieht sich durchs Land. Vor einigen Tagen erst wurden zwei Tore innerhalb dieses Systems zerstört. Entfernt gelegene Systeme sind daher von Nachrichten, Versorgung und der Regierung im Omaugh-Palast abgeschnitten.

Breqs neues Schiff ist die Gnade der Kalr, zudem untersteht ihr eine gesamte Kriegsflotte auf anheißen Anaander Mianaais, welche sie nun in die Nähe von Athoek abkommandiert. Breqs Auftrag ist nun, die Lage im Athoek-System zu sichern und weiteren Verlusten vorzubeugen. Doch die Lage im abseits gelegenen Athoek ist weit schlimmer, als erwartet.

„Zu wessen Gunsten?“ – „Zu Anaander Mianaais natürlich. (..) Wir alle befinden uns in einer unmöglichen Situation. Irgendeine Fraktion zu unterstützen wäre Verrat.“ – „Genauso wie“, stimmte die Gouverneurin zu, „keine bestimmte Fraktion zu unterstützen.“ (S. 164)

Die Besatzung der Gnade der Kalr

Die Besatzung der Gnade der Kalr ist menschlich, denn Anaander Mianaais hatte die Abschaffung der Hilfseinheiten beschlossen. Hilfseinheiten, das sind menschlicher Körper, deren Leben ausradiert wurde, damit eine Schiffs-KI sie übernimmt. Nun wurden menschliche Soldatinnen ausgebildet, sie möglichst ähnlich zu ersetzen. Für sie bedeutet das: möglichst emotionslos zu wirken.
Uns hilft hier Breqs Ich-Perspektive, die stets den Überblick über das Leben an Board behält; so empfängt sie als ehemalige KI die Emotionen ihrer Besatzung als Daten, kann den Status, Aufenthaltsort und Aktivität ihrer Besatzung sehen und direkt mit der KI der Gnade der Kalr kommunizieren. Für uns eine zu jeder Zeit allwissende Ich-Perspektive, die auch mitten im Dialog fremde Szenen sehen kann.

Breqs Offizierinnen sind Leutnantin Seivarden, Ekalu und Neuling Tisarwat. Gerade die erst 17-jährige Leutnantin Tisarwat scheint ein Geheimnis zu hüten: Passt doch ihre Persönlichkeit in keinster Weise zu der Breq versprochenen Soldatin. Ihre alberne fliederfarbige Augenfarbe, die ihr nachgesagte flatterhafte Art scheint in keinster Weise der abgeklärten routinierten Leutnantin zu entsprechen, die Breq an Board erlebt.

Das Leben auf Athoek

Breqs Befehl lautet also, das entlegene Athoek-System zu schützen und die Tore zu schließen; dazu quartiert sie sich in der Station ein.
Die Athoek-Station umfasst neben der stationsüblichen Passage mit Läden und Tempeln der Göttinnen, auch den Untergarten, das Armutsviertel ohne Stationskontrolle, und die Gärten von Athoek. Dem nahen Planeten mit Wetterkontrollsystem verdankt die Station ihren Reichtum; dort nämlich wächst equisiter Tee, der ins ganze Radchaai-Territorium exportiert wird.

“[Die Gärten von Athoek] nahmen einen großen Teil des oberen Niveaus der Station ein, mehr als zwei Hektar, sonnenbeschienen, offen und ungeteilt unter einer hohen, durchsichtigen Kuppel.“ (S.174)

Der erste überwältigend bunte Eindruck der Station täuscht jedoch. Die Bürger der Athoek-Station haben eigene Probleme: Da der Verkehr durch die Tore zum Erliegen gekommen ist, wurde der Handel eingestellt. In den Untergärten scheint es zu brodeln und eine gesichtslose Angst vor einer Infiltrierung durch das Volk der Presger scheint in den Gassen ihre Runden zu ziehen. Zudem pflücken auf dem Planeten Sklaven die Teeblätter. Gnadenlos von den Reichen der Station ausgebeutet, ist ihr Leben für die Stadtoberen nichts wert.

Kulturelles Highlight: Eine fremde Gefühlswelt

Die Radchaai sehen sich selbst als einziges zivilisiertes Völk der Systeme; dementsprechend gibt es kein anderes Wort für zivilisiert – sei radchaai, oder sei ein Nichts. Auf ihre Kultur sind sie stolz.
Den eigenen Gesellschaftsrang bestimmt die Familienzugehörigkeit oder Klientinnenschaft (ähnlich einer Mätresse), was durch Anstecker auf der Schulter gekennzeichnet wird. Den Status bestimmt aber auch Reichtum, zur Schau gestellt durch außergewöhnlich alte und teure Teeservice. Kein Wunder also, dass ein hochwertiges Teeservice bei der stolzen menschlichen Besatzung des Kriegsschiffs Gnade der Kalr absolute Priorität hat. Das ritualisierte Teetrinken lässt Gewohnheit in diese fremde Welt einziehen, der allgegenwärtige Gottglaube verleiht eine nachdenklich-bedächtige Atmosphäre. Nicht nur deshalb fühlt sich das Buch an wie eine Weltreise durch Orient und Asien.

Stolz, Ehre, Höflichkeit, Zivilisiertheit sind treibende Motive. Breq analysiert und simmuliert Gefühle und Gesten in Dialogen, sieht unterschwellige Konflikte und führt sie auf Gesagtes zurück. Das gibt einen sehr tiefen Eindruck in die Gefühlswelt der Radchaai. Die stärksten Emotionen sind Stolz und Wut; wie auch Pflicht- und Ehrgefühl. Gerade die Gerechtigkeit spielt dabei eine wichtige Rolle.

Ernsthafte Science Fiction zum Thema Gerechtigkeit

Und so entwickelt sich der Roman in der zweiten Hälfte von einer spannenden, Space-Opera-ähnlichen Geschichte zu einer philosophischen Reise in ein fremdes Land, deren Handeln man nicht unbedingt versteht.

Im Territorium der Radchaai sind allgemeingültige Handelsmaximen klar formuliert: „Gerechtigkeit, Gebührlichkeit, Nützlichkeit. Keine gerechte Tat konnte ungebührlich sein, keine gebührliche Tat ungerecht. Gerechtigkeit und Gebührlichkeit waren eng miteinander verflochten und führten zwangsläufig zur Nützlichkeit.“ (S.30) Als von Amaat akzeptiert gelten diese Regeln in der Hauptstadt, doch stoßen sie im von Armut heimgesuchten Siedlungsgebieten schnell an ihre Grenzen. „Für wen oder was es nützlich war“ wird hinterfragt. In weit entfernten Systemen, gerade in der für ihre Teeplantagen berühmte Region Athoek, bestimmen meist die Machthaber über die Auslegung der Handelsmaxime der Regierung. Mich hat es berührt, und es regt zum Nachdenken an: Über Armut, Gerechtigkeit und Chancengleichheit, von denen auch unsere Welt manchmal so weit entfernt scheint wie eine fremde Galaxie.


Philosophisch-buntes Science Fiction-Erlebnis

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Themen: KI – nützlich, gerecht – Liebe & Verrat -♀♂ – BUNT – Fehler & Verrat – Einsam… – Sein oder nicht sein?! – Dlique und die Eier – Kölner Dom – Schiffs-Liebe ♥ später: zivilisiert = radchaai – Klientin = Mätresse


Adé Sprachheckmeck

Die Mission war für mich in vielerlei Hinsicht um Welten besser als Die Maschinen. Das Sprachheckmeck des ersten Bandes wurde weitgehend umgangen: Personen wurden zumeist mit Namen angesprochen und wenig spezifisch beschrieben. Die Frage, ob es nun eine Frau oder ein Mann sein könnte, wurde schlichtweg nicht gestellt. Natürlich wird noch immer konsequent das Femininum verwendet, aber es steht nicht im Mittelpunkt des Geschehens, wie es über weite Teile des ersten Bandes war. Insofern muss ich hier meine Rezi von Die Maschinen teilweise korrigieren: Es stört keinesfalls, dass permanent das Femininum verwendet wird; es ist die ständig wiederholte Betonung auf diesen Umstand, der die erste Hälfte des ersten Buches kaum lesbar machte.

Fazit: Ann Leckie Die Mission – bestanden

Die Mission von Ann Leckie ist ein ernsthafter Science Fiction-Roman, der nachdenklich stimmt.
Schwerpunkt diesmal ist der Kontrast zwischen dem militärischen Auftrags der Gnade der Kalr und der kulturellen Vielfalt in Athoek, ähnlich im letzten Buch dem Omaugh-Palast, was mir dort bereits sehr gut gefiel. Ergänzt wurde dies durch den Konflikt vieler Völker, dem Aspekt der Armut und Sklaverei, sowie das Nachdenken über Gerechtigkeit. Die ständigen Szenenwechsel durch Breqs Augen brachten neuen Schwung in den Nachfolgeband und machten ihn rundum spannend. Liest sich leichter, schneller und angenehmer, ohne seinen Charme einzubüßen. Komplizierter als die meisten anderen Bücher ist es dennoch. Der Wow-Effekt des ersten Teils ist aber leider passé.
Im Vergleich zum Vorgängerband hat Ann Leckie also alle mich störenden Faktoren vermieden und den Schwerpunkt auf meine Highlights gesetzt; was will man mehr?! Ich freue mich aufs Finale ab 13.03.2017!

Stern4

 

Vielen Dank an den Heyne Verlag für das Reziexemplar.


[Übersicht] Ann Leckie – Maschinen Trilogie

1. Die Maschinen (Ancillary Justice)
2. Die Mission (Ancillary Sword)
3. Das Imperium (Ancillary Mercy) – erscheint am 13.03.2017

Kurzgeschichte: Das Gift der Nacht kostenlos bei Amazon erhältlich. (Stand: 9.5.16)
Ich mag sie leider überhaupt nicht. Da fehlt doch alle Handlung?

Die Mission Book Cover Die Mission
Die Maschinen 2 (Trilogie)
Ann Leckie
Science Fiction
Heyne
08.02.2016
Taschenbuch
480

Über Tausende von Sternsystemen erstreckt sich das mächtige Imperium der Radchaai – doch es ist in sich gespalten und steht kurz vor einem Bürgerkrieg. Breq, die Maschinenintelligenz des interstellaren Kriegsschiffs Gerechtigkeit der Torren, ist die Einzige, die den Zerfall noch aufhalten kann. Das Schiff wurde vor Jahrhunderten vollständig zerstört, und nur Breq, die Maschinenintelligenz im Körper einer Frau, hat überlebt. Nun wird sie von Anaander Mianaai, der totalitären Herrscherin der Radch, formell adoptiert, zur Flottenkapitänin ernannt und ins Athoek-System beordert. Dort haben die Gegner der Herrscherin zwei Tore für den interstellaren Schiffsverkehr zerstört und das System von seiner Versorgung abgeschnitten. Über Jahrtausende hinweg haben die Radch riesige Bereiche der Galaxis annektiert und sich viele Feinde gemacht. Vor allem aber wird das Reich der Radch aus seinem Inneren bedroht, denn seine Herrscherin Anaander Mianaai ist in Tausende von geklonten Körpern gespalten. Jetzt ist ein heimtückischer Kampf zwischen zwei Fraktionen ihrer multiplen Existenz ausgebrochen, der das ganze Imperium bedroht – und es gibt nur eine Person, die Anaander Mianaai mehr fürchtet als sich selbst: Breq …

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